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Denn sie hatten keine Unterkunft

Der unvergessliche Moment: Eines Abends sind sie da. Die ersten Flüchtlinge haben die neu errichtete Unterkunft nahe meiner Wohnung bezogen. Seit Wochen hatte ich sie erwartet und mit anderen zusammen den Arbeitskreis Flüchtlinge »Willkommen in Kriftel« gegründet
von Barbara Tambour vom 19.12.2014
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Nur noch wenige Tage, dann ist Weihnachten: Was sich wohl hinter diesem Adventsfenster vom 19. Dezember verbirgt? Machen Sie´s doch einfach mal auf! Klicken Sie dafür auf das Wörtchen "mehr". (Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)
Nur noch wenige Tage, dann ist Weihnachten: Was sich wohl hinter diesem Adventsfenster vom 19. Dezember verbirgt? Machen Sie´s doch einfach mal auf! Klicken Sie dafür auf das Wörtchen "mehr". (Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)

Viele Gedanken hatten wir uns schon gemacht, wie wir sie würden unterstützen können. Wie wir auf sie zugehen könnten. Doch an diesem Abend spüre ich Fremdheit in mir aufkeimen, eine Scheu davor, mit den Asylbewerbern in Kontakt zu treten, Sorge, von ihnen abgelehnt zu werden.

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Aus dem Auto heraus sehe einen Mann, ein Kleinkind, eine dunkelhäutige Frau mit afrikanischem Gewand und Kopftuch. Die wenigen Meter bis nach Hause führe ich einen inneren Dialog mit mir, in dem Angst und die Absicht, sie willkommen zu heißen, miteinander ringen. Er endet damit, dass ich daheim meine Tasche abstelle, im Garten eine Sonnenblume abschneide und unmittelbar zur Flüchtlingsunterkunft gehe. Jetzt. Sofort.

Vor dem Neubau lerne ich Zacariye, einen jungen Mann aus Somalia kennen, seine 15 Monate alte Tochter und seine Frau Warsan. Sie ist hochschwanger. Ich heiße sie willkommen – und fühle mich willkommen. Meine Befürchtungen – unnötig. Auf freundliche, liebenswerte Menschen treffe ich, geflohen vor den islamistischen Al-Shabaab-Milizen aus dem zerfallenden Staat Somalia am Horn von Afrika. Doch davon erfahre ich erst ein paar Wochen später. Nämlich an dem Tag, an dem ich die junge Frau ins Krankenhaus fahre, wo sie ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt bringt.

Schwanger sein, auf der Flucht, eine Unterkunft suchen. Die Worte aus der vertrauten alten Weihnachtsgeschichte haben in diesem Herbst für mich Aktualität gewonnen. Der Maria des Neuen Testaments – auf Herbergssuche, dann auf der Flucht nach Ägypten – begegne ich in der jungen Frau aus Somalia, aber auch in Genet, einer Asylbewerberin aus Eritrea.

Auch sie zieht hochschwanger in die Flüchtlingsunterkunft. Zusammen mit ihrer vier Jahre alten Tochter und ihrem Mann. Angst und Sorge stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Abgesehen vom gewölbten Bauch ist sie hager am ganzen Körper. Als ich sie kennenlerne, weiß ich noch nichts von dem, was sie in den Monaten zuvor auf der langen Flucht aus der Militärdiktatur in Eritrea durch den Sudan und die Wüste Libyens, übers Mittelmeer, dann in einem elendigen Massenquartier in Catania und schließlich obdachlos auf den Straßen Roms durchlitten hat.

Ein Dach über dem Kopf hatte die Schwangere jetzt – aber wo sollte ihr Kind zur Welt kommen? Welche Kleider könnte sie ihm anziehen? Wem all die Fragen stellen, die sie hatte – ohne Deutsch zu können und nur ganz wenig Englisch?

Zusammen mit anderen Aktiven des Arbeitskreises Flüchtlinge gelingt es, für die junge Frau noch einen Termin bei der Frauenärztin zu bekommen, sie im Krankenhaus zur Entbindung anzumelden, Strampler, Jacken und Mützchen für das Baby zu beschaffen und sie zur Schwangerenberatung der Caritas zu begleiteten. Wenige Stunden nach diesem Termin kommt ihr Sohn zur Welt.

Als ich sie einige Tage später zusammen mit dem Neugeborenen aus dem Krankenhaus abhole und »nach Hause« fahre, sehe ich sie das erste Mal strahlen. Eine große Last – die Sorge, ihr Kind könnte auf den Straßen Roms zur Welt kommen – ist von ihr abgefallen. Die Familie kommt zur Ruhe, die vier Jahre alte Tochter besucht den Kindergarten. Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen und mehreren Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft feiern wir ihren fünften Geburtstag und die Taufe des Neugeborenen. Beide jungen Mütter besuchen mit ihren Kindern Spielkreise der Kirchengemeinde und fangen an, Deutsch zu lernen.

Doch eine sichere Unterkunft haben sie nicht. Ihnen, ihren Kindern und ihren Männern droht die Abschiebung nach Italien beziehungsweise nach Ungarn. Denn in diesen Ländern wurden sie registriert, bevor sie nach Deutschland kamen. Nach geltendem europäischen Recht müssen sie dorthin zurück. Aus meiner Sicht ein Unding, eine Familie mit einem Neugeborenen in die drohende Obdachlosigkeit nach Italien zurückzuschicken. Oder nach Ungarn. »Wir kämpfen für euch«, sage ich den Familien. »Wir wollen, dass ihr hierbleibt.« Und: »Mit einem Baby schickt Euch niemand erneut los.« Doch an der letzten Aussage zweifele ich manchmal.

Das Recht steht gegen meine Hoffnung. Und doch hoffe ich – gegen das Recht. Dass da ein Richter oder eine Richterin ein Einsehen hat. Dass die Herbergssuche dieser beiden Familien – und so vieler auf der Flucht – endlich ein Ende haben muss. Das ist mein Advent.

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Personalaudioinformationstext:   Barbara Tambour, Theologin und Gesellschaftswissenschaftlerin, ist Redakteurin bei Publik-Forum. In diesem Jahr gründete sie zusammen mit anderen den Arbeitskreis Flüchtlinge »Willkommen in Kriftel«. In ihrem Heimatort nahe Frankfurt a.M. engagiert sie sich für eine lebenswerte Zukunft der Menschen, die in diesem Jahr aus unterschiedlichen Herkunftsländern gekommen sind. Sie wurde in den zurückliegenden Monaten mehrfach interviewt; u.a. entstand das SPIEGEL-Feature »Anpacken statt jammern«, in dem sie über die Arbeit in Kriftel erzählt.
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