Kommt, um das Ereignis zu sehen
Weihnachten. Man mag es drehen, wie man will: Aber mit diesem Fest geht etwas Magisches einher. Das ganze »Paket« rührt an: Kälte, Jahresende und Jahresbilanz, freie Tage, Nachdenken über Liebesbeziehungen, Glühwein, Kekse, Märkte, Kinder, Rätsel, Bräuche. Selbst diejenigen, die das alles ablehnen, was sich kulturell an den eigentlichen Festanlass angedockt hat, befinden sich noch in ihrer Empörung über Konsumismus, Scheinheiligkeit, Intimterrorismus in einer auffällig starken negativen Abhängigkeit. Denn gerade die Werte, die sie in ihrer ablehnenden Haltung sichern wollen: Ehrlichkeit, Einfachheit, echte Ruhe … lassen sich problemlos in die Zeit des Jahresendes einfügen. Dann lebt man, was man mit der ganzen Hektik des Vorweihnachts-Rummels ja erreichen wollte.
Eine bestimmte religiöse Sensibilität liegt ebenfalls in der Luft. Dies lässt sich ohne jede religiös-institutionelle Vereinnahmung behaupten. Es ist so etwas wie ein diffuses Wunschdenken: Mensch, gäbe es das Gute und im Wortsinn Harmlose – Harm steht in der Wortbedeutung für Kummer, Verschlagenheit, Schaden –, dann wäre das Leben ein Besseres. Gäbe es eine Welt, die die berühmt-berüchtigten leuchtenden Kinderaugen auch in the long run nicht zu enttäuschen vermöchte, weil das Schöne stärkere Macht hat als das Brutale – und könnte ich einen Teil zu dieser Welt beitragen: Ich würde es tun.
Ja, noch in der Verkitschung des Festes, die ja kaum zu leugnen ist und die von massenhaft eingekauften Hirtenfiguren aus dem Erzgebirge über Kuschel-CDs bis zu Männerabenden mit einer freizügigen Stripperin im Nikolaus-Look reichen kann, lässt sich eine bestimmte emotionale Aufladung identifizieren, die irgendwie weicher, gönnerhafter und versöhnlicher ist als sonst im Jahr.
Eine brisante Behauptung
Und damit stellt Weihnachten eine große Frage in den Raum: nämlich, ob diese zahllosen kleinen alltags ästhetischen Frage-Inszenierungen nach »dem Guten« einfach ins Leere und Vergebliche zielen? Oder ob es einen Grund gibt, das Gute tatsächlich nicht nur ersehnen, sondern erzeugen zu können? Für Christinnen und Christen ist dies die Frage schlechthin, die Weihnachten ihnen abverlangt: ob man mit der ganzen Schmückerei, Backerei, Kauferei und Einladerei etwas an sich Sinnloses verzweifelt verdeckt oder etwas an sich Sinnvolles sympathisch artikuliert.
Das Wort »Evangelium« behauptet ja Letzteres. Es heißt bekanntlich übersetzt »gute Nachricht«, »frohe Botschaft«. Und damit ist zunächst ein literarisches Genre bezeichnet: die eigentümlichen Leben-und-Reden-Jesu-Berichte von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Was man von Jesus von Nazareth zu erzählen habe, so diese vier Autoren, lässt sich nicht neutral bezeichnen: Es ist sofort etwas Gutes. Es ist nicht nur die Geschichte eines guten Menschen; es ist nicht nur eine gute Geschichte; es ist nicht nur eine Geschichte, die für den Hörer Gutes bewirkt. Nein: Es ist auch die Geschichte vom Guten.
So hat es jedenfalls der französische Jesuit Christoph Theobald auf den Punkt gebracht. Theobald übersetzt das griechische Wort »euaggelion« mit: die Botschaft vom Guten. Und diese kleine philologische Notiz be inhaltet enorme Aussagemöglichkeiten. Ist Weihnachten, lässt sich diese Aussage auf das Fest beziehen. Ist gerade Sommer, lässt sie sich auf das Leben selbst beziehen. Theobald trifft hier einen Nerv, der für die gesamte mentale Ausrichtung der eigenen Existenz bedeutsam werden kann und der weit über die Ausübung religiöser Bekenntnisse oder Treuepflichten hinausgeht. Mit Jesus von Nazareth, so Theobald und so die Evangelisten, steht eine simple These im Raum: Das Gute ist da. Es ist möglich. Es gibt Gutes. Man kann es erfahren. Mehr noch: Man kann es erzeugen.
Wie brisant solch eine Behauptung ist, vor allem wenn man sie komplett unromantisch und auf das Konkreteste hin pragmatisch meint, kommt schnell ins Bild: Für den, der nicht ausweicht, bringt jeder Tag bedrückend viele Gegenargumente zur Behauptung des Guten. Dies ist vielleicht die neue Qualität der medialen Möglichkeiten, die wir heute haben. Auch früher gab es viel Schlechtes, Mieses und Erschreckendes – aber heute könnte man es sich pausenlos ansehen. Man kann permanent darum wissen, dass es schlecht zugeht in der Welt. Wir erleben es viel öfter als Leute, die wegsehen und die sich dabei zusehen, wie sie wegsehen. Wir könnten sonst unser bisschen Psychohygiene gar nicht aufrechterhalten. Viele wissen von sich selbst, wie dünn die Maske des Netten und Ruhigen wird, wenn es um diese psychohygienische Selbsterhaltung geht.
Wichtig ist nun: Das Evangelium vom in die Welt gekommenen Christus behauptet nicht, dass die Welt irgendwie gut ist. Auch nicht, dass man in dieser Welt irgendwie zu Gott kommen muss, wenn man nur genug an sich arbeitet oder ausreichend nachdenkt. Die moderne Theologie hat diese Auseinandersetzung mit der Theodizee, der Frage, warum es das Leid in der Welt gibt, und mit den Naturwissenschaften gleichermaßen geführt, hat aus ihr gelernt und sagt uns: In dieser Welt spricht gar nichts dafür, dass es Gott geben muss.
Christliche Theologien, so schreibt der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn, sind keine Weltentstehungs- oder Welterklärungstheorien. Denn: Es gibt hier nichts zu erklären. Es sind Weltakzeptanztheorien. Sie bieten Argumente, das Mögliche für mindestens genauso wirksam zu halten wie das Faktische. Sie trauen sich zu bemerken, dass man in Gott eine Größe des Guten behaupten könnte. Das scheint nicht viel zu sein. Aber es ändert alles. Es ist der Unterschied zwischen Zynismus, Skeptizismus, Fatalismus, Resignation und dem mindestens möglichen Glauben, dass es Gutes geben kann.
Jesus als der »Lernende«
Jesus jedenfalls war selbst einer, der an das Gute geglaubt hat. Theobald arbeitet heraus, wie faszinierend vor allem die Zufallsbekanntschaften Jesu sind – also die Menschen, die er einfach so auf seinen Wegen trifft: die blutflüssige Frau, den Bettler Bartimäus, den Hauptmann von Kafarnaum, den Jungen mit den fünf Broten und zwei Fischen, die syrophönizische Frau. All diese Zufallsbekanntschaften zeigen eine innerkirchlich fast unbekannt gewordene Gestalt: den staunenden und lernenden Jesus. Jesus staunt über den robusten Lebensglauben dieser Leute: die blutflüssige Frau, die ihn einfach berührt; Bartimäus, der seinen Mantel wegwirft – bevor er geheilt wurde!; den Hauptmann, der ihn nicht einmal drängt, seinen kranken Sohn zu Hause zu besuchen; den Jungen, der wenig hat, aber alles gibt; die Syrerin in ihrer entwaffnenden Schlagfertigkeit.
Die Evangelien notieren, dass Jesus in all diesen Episoden eine hartnäckige und zählebige Risikobereitschaft entdeckt. Den Rabbi berühren, den Mantel wegwerfen, auf magische Heilungsrituale verzichten – all das ist ja bis zur Lebensgefahr extrem riskant gewesen. Und dieser Heroismus beeindruckt Jesus. Er lernt von diesen Begegnungen dieses fast stumpfe Beharren auf die eigene Chance. Er ruft aus: Solch einen Glauben habe ich in Israel nirgends gesehen! Und, spektakulär: Frau, Mann, Soldat, Junge: Dein Glaube hat dir geholfen!
Weihnachten: Leben im »Als-ob«
Das wäre Evangelium: Nicht Jesus hilft, sondern der eigene Glaube. Die kausale Erklärung für die Heilung ist die eigene Risikobereitschaft. Natürlich war Jesus in diesen Episoden unersetzlich. Aber dem Textzeugnis nach nicht als kausal Heilender, sondern als der, der als Erster und als Mutigster gegen jeden Aberglauben geglaubt hat, dass jener Glaube an »das Gute« helfen wird, der schon da ist. Die Begegnung mit Jesus kann zu jener Kraft befreien, die in einem selbst offenbar bereits wirkt.
Diese einzelnen Geschichten innerhalb der einen Jesus-Geschichte offenbaren damit eine bestimmte Kraft, die nicht in den Blick bekommt, wer in der Religion nur Beruhigung, Trost und Entschleunigung erhalten will. Der amerikanische Religionspsychologe William James und der deutsche Religionsphilosoph Georg Simmel haben dies herausgearbeitet: Gerade religiös kommunizierte Versprechen können Handelnde dazu bringen, so zu tun, als seien diese Versprechen schon gehalten, sodass sie einfach darauf bauen – und so schaffen sie Zustände, die ohne eine bestimmte Fähigkeit zu heroischer Realitätsüberbietung nicht denkbar wären. Diese enorme Krafterfahrung des Religiösen sagt nichts über ethisches Verhalten aus; sie bringt Selbstmordattentäter genauso hervor wie Heilige. Ohne Zweifel muss sie kultiviert, ja sogar domestiziert werden. Und es ließe sich sehr präzise zeigen, wie Jesus von Nazareth es vermocht hat, aus dieser potenziell auch destruktiven Krafterfahrung einen Weg des persönlichen und des kollektiven Lebensglückes zu gewinnen, damit Religion eine gute Nachricht wird.
Denn Evangelium heißt nicht nur: Es gibt das Gute. Wirklich brisant wird es, wenn es Mitbürger gibt, die trotzig voraussetzen, dass für ihr Leben diese Zusicherung des Guten gilt. Und die dann einfach so handeln, als ob es Gutes gäbe. Diese Zeitgenossen sind alles andere als immun gegen Enttäuschung, Ausnutzung und frustrierten Idealismus. Aber sie lassen sich hiervon nicht vollends beherrschen. Sie berichten von einer Kraftzufuhr, einer Art »zweiter Luft«, die nur der bezieht, der im Risiko des Guten lebt. Es sind diese Menschen, die zum Anfang von guten Entwicklungen werden können. Es sind diese Leute, die verzeihen und die sich entschuldigen können; die gründen; die ermutigen; die trösten; die sich in verantwortliche Ämter wählen lassen; die von ihren psychischen und individualhistorischen Mustern abstrahieren können; die Geld spenden; die Schönes lieben; die Respekt bezeugen vor allem Nützlichen; die Entscheidungen fällen; die Probleme lösen und unlösbare Probleme wenigstens angehen.
Weihnachts-Männer und Weihnachts-Frauen!
