Zur mobilen Webseite zurückkehren

Dort wachten Hirten über ihre Herde

Der unvergessliche Moment: »Zeigen Sie mal Ihre Hände«, sagt mein Gegenüber im Zug von Kiew nach Lugansk. Widerwillig komme ich der Bitte nach. Was will dieser Mann von mir? Stimmt irgendwas nicht? Ich fühle mich überwacht. Dabei würde ich doch viel lieber behütet werden, in diesen kriegerischen Zeiten, in denen im Osten der Ukraine alles geschehen kann. Wirklich alles. Angst steigt in mir auf ...
von Bernhard Clasen vom 20.12.2014
Artikel vorlesen lassen
Nur noch wenige Tage, dann ist Weihnachten: Was sich wohl hinter diesem Adventsfenster vom 20. Dezember verbirgt? Machen Sie´s doch einfach mal auf! Klicken Sie dafür auf das Wörtchen "mehr". (Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)
Nur noch wenige Tage, dann ist Weihnachten: Was sich wohl hinter diesem Adventsfenster vom 20. Dezember verbirgt? Machen Sie´s doch einfach mal auf! Klicken Sie dafür auf das Wörtchen "mehr". (Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)

»In einer Stunde sind wir in Lugansk«, sagt der Mann im Zug. »Dort werden Soldaten der Volksrepublik die Papiere der Passagiere ansehen. Mit Ihrem ausländischen Journalisten-Ausweis werden Sie nicht gerade Sympathien bei den Leuten wecken. Und wenn irgend etwas auf Ihren Handflächen, eine Hornhaut oder Schwielen, die Vermutung aufkommen lassen könnte, Sie haben öfter ein Gewehr in der Hand, dann verschwinden Sie gleich nach Ihrer Ankunft in irgendeinem Keller.« Jetzt weiß ich: Dieser Mann will mich behüten. Er meint es gut mit mir.

Anzeige
loading

Doch je mehr sich der Zug Lugansk nähert, umso mehr steigen Anspannung und Angst. Kurz nach Einsetzen der Dunkelheit betritt die Zugbegleiterin unser Abteil. »Bitte machen Sie sofort das Licht aus, verdunkeln Sie das Fenster.«. Mich fordert sie sichtlich nervös auf: »Entfernen Sie sich vom Fenster! Wir werden in zehn Minuten durch ein Gebiet fahren, in dem scharf geschossen wird. Legen Sie sich, sobald etwas passiert, sofort auf den Boden!« Ich sehe mir meine Mitreisenden an, zwei Frauen und ein Mann. Und mit denen soll ich mich auf den Boden legen? »Da ist doch gar nicht Platz für vier Leute«, denke ich bei mir.

Als der Zug langsam in Lugansk einfährt, erinnere ich mich der Worte eines Aktivisten der Gruppe »SOS-Donbass«. Der Maidan-Aktivist, den ich wenige Tage vor meiner Abreise nach Lugansk in Kiew getroffen hatte, warnte mich: »Ich an Ihrer Stelle würde diese Reise nicht antreten. Wenn die Ihren Pass sehen, werden Sie sofort als mutmaßlicher Spion in einen der berüchtigten Keller wandern.« Dabei sah er mich an wie einen Außerirdischen. »Die haben doch gar kein Interesse, mir etwas anzutun«, hatte ich ihm erwidert. »Die Aufständischen wollen doch, dass Journalisten nach Lugansk kommen und dann berichten, wie es dort wirklich aussieht.« »Nein«, hatte er mir entgegengehalten. »Sie dürfen nicht davon ausgehen, dass Sie es in Lugansk mit Leuten zu tun haben werden, die logischem Denken zugänglich sind. Das sind Zombies.«

Endlich hält der Zug mit zehnstündiger Verspätung im Hauptbahnhof von Lugansk. Und alles kommt ganz anders. Genervt von der Verspätung und aus Angst, nicht rechtzeitig vor der Sperrstunde zu Hause zu sein, stürzen sich alle sofort aus dem Zug, hetzen durch den dunklen Bahnhof zu wartenden Privatautos oder Taxis. Die Soldaten der »Volksrepublik Lugansk«, die sich vor dem Zug postiert hatten, haben gar keine Chance. Sie müssen acht geben, nicht von der Menge, die Richtung Ausgang strebt, niedergerannt zu werden. An eine Ausweiskontrolle denkt in diesen Augenblicken niemand mehr. Auch ich schwimme einfach mit der Menge mit Richtung Ausgang, wo mein Fahrer schon auf mich wartet. Gut, dass er noch meine SMS erhalten hatte. In Lugansk war an diesem Tag das Mobilfunknetz die meisten Zeit ausgefallen.

Im Taxi komme ich bei der Fahrt durch die fast völlig dunkle Großstadt endlich zur Ruhe. Ich muss nun über mich selber lachen. Wieso nur habe ich mir soviel Angst einjagen lassen? Ich lasse noch einmal die Geschichte mit den Händen Revue passieren. Und erst jetzt fällt mir auf, dass mein guter Hirte aus dem Zug diese Sache keinesfalls selbst erlebt hatte. Auch er hatte das nur irgendwie gehört. Mein Taxifahrer lacht, als ich davon erzähle.

Im Hotel Rendez-vous angekommen, müssen sich meine Augen erst einmal an die völlige Dunkelheit gewöhnen. In besseren Zeiten war das sicherlich mal ein gemütliches kleines Hotel, vielleicht auch eine gute Adresse für heimliche Treffen mit dem anderen Geschlecht. Neben der Frau, die an diesem Tag Nachtwache schiebt, liegt ganz zufällig vor der Kerze eine Schachtel Kondome. Sie heißt mich herzlich willkommen. »Frühstück gibt es ab sieben Uhr, und wenn Sie sonst noch Wünsche haben, melden Sie sich einfach hier bei mir in der Rezeption.« Ich verschwinde sofort, mit einer Kerze in der Hand, in das eiskalte und dunkle Zimmer des Rendez-vous.

Am nächsten Morgen bringt mich das Taxi zum Stadtteil Jubilejinij. Direkt vor dem Kinderkrankenhaus steht eine Frau vor einem Lagerfeuer und kocht. »Was sollen wir auch machen?«, sagt sie. »Hier im Krankenhaus gibt es keinen Strom, kein Gas und natürlich auch keine funktionierende Küche.« Es ist eisig kalt, vor dem Krankenhaus und im Krankenhaus. Alle Ärztinnen leisten ihren Dienst im Wintermantel.

Kalt ist es in Lugansk in diesen Novembertagen 2014. Bald solle Schnee fallen, sagen die Leute. »Ich finde Schnee schön«, erwidere ich. »Schnee erinnert mich an meine Kindheit in Süddeutschland, weckt in mir das Gefühl der Vorweihnachtszeit.« »Ich hasse Schnee«, hält mir eine Krankenschwester entgegen. »Schnee, das sind Temperaturen unter Null, kalte Busse, Verspätungen. Und sobald wir Schnee haben, wird unsere Stadt noch mehr von der Außenwelt abgeschnitten sein.«

Drei Tage später verlasse ich Lugansk. Immer noch ist es sehr kalt in der Stadt. Täglich rechnen die Menschen mit den ersten Schneefällen. Zurück lasse ich Menschen, die mir dankbar sind, dass ich mich für sie interessiere. Nur widerwillig nehme ich die Tragetasche mit Lebensmitteln und Getränken an, die mir eine Rentnerin für die Reise nach Kiew mitgibt. In Lugansk gibt es kaum noch Lebensmittel, die ersten hungern bereits.

PS: Meine Hände wollte in diesen vier Tagen in Lugansk niemand sehen.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Bernhard Clasen, freier Journalist und Übersetzer aus dem Russischen, bereist oft mehrmals im Jahr Russland und die Ukraine. Im Juli 2014 schrieb er ein viel beachtetes Online-Tagebuch aus der Ostukraine. Er erlebte die Stimmung im Land unmittelbar nach dem Abschuss von »MH 17«. Clasen hat Bekannte und Freunde in beiden Ländern. Regelmäßig schreibt er für Publik-Forum und die taz.
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0