Ich verkündige euch große Freude
Der Winter ist dunkelgrau. Die Leute tragen dicke Mäntel. Die Bächle in meiner Stadt Freiburg sind seit Allerheiligen ohne Wasser, trockengelegt. Manche Häuser liegen noch in Trümmern. Wenn wir an der ehemaligen Fernmeldekaserne beim Siegesdenkmal aus dem 1870er Krieg vorbeilaufen, sagt meine Mutter: »Hier sind die vielen Fernmelde-Fräuleins verbrannt, am 27. November 1944, beim großen Bombenangriff.« Mir sagt das nichts, denn damals habe ich Gott sei Dank noch nicht gelebt.
Ich bekomme als großes Kindergartenkind auch nicht mit, dass der Speckpater Werenfried van Straaten in diesem Frühwinter im Radio spricht und zur Unterstützung der Menschen im Ostblock, insbesondere in der DDR, aufruft. Meine Eltern nehmen sich den Aufruf des Speckpaters zu Herzen und wir packen zuhause ein Paket.
Ich bin – so wie damals die meisten Freiburger Kinder – ein katholischer Bub. In der Zeit meiner Kindheit wurden katholische Kinder noch dazu erzogen, »Öpferle« zu bringen. Weshalb? Das konnten mir die Eltern nicht so recht erklären. Mein Vater, der beim Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband arbeitete, erklärte mir, dass es die Menschen im Ostblock mordsmäßig schwer hätten, und dass es dort im Ostblock natürlich auch viele Kinder in meinem Alter gebe, und die seien ärmer als ich. Tja, und die Eltern fragten, ob ich denn nicht eine meiner Spielsachen mit in das Paket für diese armen Leute und Kinder hineintun wolle.
Das war für mich nun ein echtes Problem. Mein Bär mit dem aus dem Elsass stemmenden Namen Etienne war ziemlich kaputtgeliebt – also kein taugliches Geschenk. Außerdem hatte der Bär Etienne mir mir zu viel erlebt. Das tollste meiner Spielzeuge war etwas ganz anderes, es stammte von der Tante Maria, einer Grundschullehrerin im fernen Karlsruhe und war ein rotes Feuerwehrauto. Eine Prachtstück. Groß, stabil und aus Blech. Mit einer Drehleiter. Einen Abend lang überlegte ich hin und her, in der Nacht träumte ich vom Behalten oder Herschenken und von der sicher großen Not der armen Kinder im Osten.
Morgens dann war der Entschluss gereift: Ich brachte kein Öpferle sondern ein großes Opfer. Unter Tränen packte ich mein rotes, noch kaum verschrammtes Feuerwehrauto in das Hilfspaket. Ich vermute, meine Mutter, von Beruf eine Pädagogin, war echt gerührt. Denn sie fragte zwei-, dreimal, ob das wirklich so sein solle. Ich blieb bei meiner Entscheidung. Gemeinsam trugen wir das Paket in die Eisenbahnstraße auf die Hauptpost, wo wir es für immer aus den Augen verloren. Irgendwie fühlte ich mich gut an diesem Tag. Und bald war ja Weihnachten.
An Heiligabend dann, nachdem das Evangelium verlesen und die Weihnachtslieder gesungen waren mit der trefflichen Zeile (in »Zu Bethlehem geboren«) »In deine Lieb versenken / will ich mich ganz hinab. Mein Herz will ich Dir schenken / und alles, was ich hab…«, ging es an das Geschenkle-Auspacken.
Zunächst den selbst gestrickten Pullover von der Oma. Die Patentante Hedwig in Konstanz hatte mich, wie jedes Jahr, geschenkemäßig vergessen – damit musste man leben. Von den Eltern gab es pädagogisch wertvolle Holz-Spielsachen, einen richtigen kleinen Bauernhof.
Tja, und dann war da noch ein Paket, ein Ungeplantes in dickem braunen Packpapier. Es lag hinter dem Sofa, hinter den anderen Paketen. Ob es einen Absender hatte? »Thomas« stand auf dem Paket. Mein Name. Also, ausgepackt!
Und siehe: Darin war in weiß-rot-goldenem Engelpapier eine große, rote Feuerwehr aus Blech.
Seit jenem heiligen Moment, in dem für mich die Zeit still stand, weiß ich – aller theologischen Aufklärung zum Trotz – , dass es Wunder gibt. Rettende, hilfreiche Begegnungen der unvorhersehbaren Art, die die Situation von Grund auf zu Guten verändern.
Natürlich war das – wie stets bei irdischen Wundern – ein Wunder mit kleinen Macken. Denn eine Drehleiter, wie die unter Schmerzen weggeschenkte Feuerwehr, die nun ein Kind im Ostblock erfreute, hatte meine neue Feuerwehr nicht. Doch sie hatte eine Tür, die aufklappbar war, und einen grauen Lösch-Schlauch, den ich raus- und reinräumen konnte.
