Friede auf Erden!
Nur wenige Tage vor diesem Interview sitze ich an einem Samstag im Zug nach Bad Kissingen. Schöne Landschaft umgibt mich, draußen fallen ein paar Schneeflocken. In Schweinfurt muss ich umsteigen. Die Regionalbahn nach Unterfranken ist voll. Viele Flüchtlinge sind unterwegs. Kurz bevor die Bahn abfährt, öffnet sich noch einmal die Tür. Ein junger Mann steigt ein, höchstens zwanzig, schätze ich. Er trägt eine viel zu dünne Jacke für die Jahreszeit, in der linken Hand hält er eine Plastiktüte, die höchstens halb gefüllt ist, außerdem trägt er einen kleinen Rucksack. Seine Augen wandern unruhig hin und her. »Flüchtling« denke ich instinktiv. Ich mache eine einladende Handbewegung; neben mir ist noch ein Platz frei.
Der junge Mann setzt sich. »Wohin fahren Sie?« frage ich. Er schüttelt den Kopf, sagt kein Wort. Ich versuche es auf Englisch. Er legt den Zeigefinger seiner rechten Hand an die Lippen. Er kann also kein Englisch. Oder soll ich einfach schweigen? Gehe ich ihm mit meiner Frage auf die Nerven? Offenbar nicht, denn mit der linken Hand hält er mir jetzt seine Fahrkarte entgegen. »Kulmbach« steht als Zielbahnhof darauf. Ich erinnere mich, dass dort ein großes Erstaufnahmelager für Flüchtlinge eingerichtet ist. Mit meiner Vermutung, er sei ein Flüchtling, lag ich also offenbar richtig. Seine Augen wandern von mir zur Fahrkarte und von der Fahrkarte wieder zu mir. »Kulmbach, ok?« fragt er. Unser Zug hat leichte Verspätung. Vermutlich geht es ihm darum, ob er seinen Anschluss noch bekommt, denke ich. Gerade kommt der Schaffner vorbei, den ich das frage. »Keine Sorge«, sagt der, »ich habe diesen Zug vorgemeldet, alle Anschlusszüge werden erreicht.« Zu kompliziert, das dem jungen Mann zu erklären. Ich schaue ihn freundlich an und lege so viel Beruhigendes in meinen Blick, wie mir möglich ist: »Ok!«, sage ich und halte meinen rechten Daumen nach oben. Er lächelt. Sein ganzer Körper entspannt sich; er lässt sich in den Sitz fallen, auf dem er bisher ganz aufrecht und starr gesessen hat.
Unsere »Unterhaltung« setzt sich auf diese Weise fort. Ich zeige ihm dem Weg zur Zugtoilette, deute auf die Schönheit der Landschaft, die an uns vorbeisaust, teile mit ihm meine Mandarine. Wir lächeln uns an. Als ich aussteigen muss, nimmt er meine Hand zum Abschied. »Good Luck!«, sage ich und halte, als ich mich zum Gehen wende, zur Sicherheit wieder meinen rechten Daumen hoch. Seine Augen sagen: »Danke!« Und ich denke: »Wie wird er nur zurechtkommen, wenn er sich nicht mal verständigen kann?«
Als ich schon auf dem Bahnsteig in Bad Kissingen stehe, kommt mir in den Sinn: Aber wir HABEN uns doch verständigt! Ohne Sprache. Offenbar ist das möglich. Eigentlich ein kleines Wunder.
Ich denke darüber nicht mehr weiter nach, bis zum Tag des Interviews mit Navid Kermani. »Teile der Gesellschaft halten einen schon für bekloppt, wenn man die Ansicht vertritt, dass der menschliche Verstand nicht das Maß aller Dinge ist«, sagt er da. Kermani plädiert an diesem Dezembermorgen in Köln vehement dafür, das Geheimnis des Lebens wiederzuentdecken, die Oberfläche der Worte Oberfläche sein zu lassen – und in die Tiefe zu dringen. Dafür aber, sagt er, brauche es den Willen,sich selbst nicht absolut zu setzen und immer damit zu rechnen, dass da mehr ist als nur der blanke Buchstabe, den blind zu befolgen in einen schrecklichen Fundamentalismus führe. Oh ja, Worte können auch Waffen sein! Kermani weiß das, deshalb spricht er viel über religiösen Fundamentalismus und darüber, wie sehr sich ein Fundamentalist an die Oberfläche der Worte klammert. Daraus könne nichts Gutes entstehen, denn die Oberfläche führe nicht zu Gott – und nicht zum anderen Menschen. Verstehen könne man so nichts vom wahren Leben.
Gottvertrauen in den Grenzfällen des Lebens: Ob es das war, was jenen jungen Mann im Zug nach Kulmbach den Mut fassen ließ, mit mir zu »sprechen«?
