Thomas Mann
Ungläubige Gläubigkeit
Als Thomas Mann 56 Jahre alt war, zog er eine Zwischenbilanz seines bisherigen Verhältnisses zu Religion und Christentum. Das essayistische Selbstgespräch aus dem Jahr 1931 heißt »Fragment über das Religiöse« und beginnt mit dieser Szene: »Als der Hauptpastor von Sankt Marien zu Lübeck, im Priesterkleide am Sterbebett meines Vaters kniend, sich in lauten Gebeten erging, sprach der Sterbende, nach einigem unruhigen Kopfwenden, ein energisches ›Amen!‹ in die frommen Redereien hinein. Der Geistliche ließ sich dadurch nicht stören und tat des Amens sogar in seiner Grabrede lobend Erwähnung, während es doch, wie mir, dem halbwüchsigen Jungen, sofort klar gewesen war, nichts weiter bedeutet hatte als ›Schluss!‹ – «
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Karl-Josef Kuschel, geboren 1948, ist Literaturwissenschaftler und Theologe. Er lehrte bis 2013 Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Fakultät für Katholische Theologie der Universität Tübingen.

