Der Blick des Papstes
Gibt es auf Erden einen schöneren Ort um zu warten, als die Sixtinische Kapelle? An diesem Nachmittag, an dem sich Ewigkeitsahnungen breit machen, kurz vor dem Ende des Kirchenjahres, bleibt der Strom der Touristen ausgesperrt. Stattdessen kommt Papst Benedikt XVI.
Wo die im Jahr über fünf Millionen Besucher normalerweise von vatikanischen Museumsbediensteten zum eiligen Weitergehen gedrängt werden, haben ich Weile. Anderthalb Stunden Muße, um in aller Ruhe Michelangelos Gemälde anzuschauen, von der Erschaffung des Adam über die Sibyllen bis zum Jüngsten Gericht.
Warten. Wir warten auf den Päpstlichen Chor, die Capella Sistina. Die großen und kleinen Sänger werden ein Privatkonzert geben. Ein festliches und sehr persönliches Ereignis für den Papst, denn heute wird zum ersten Mal im Vatikan die Missa l'Anno Santo von Georg Ratzinger, dem Regensburger Prälaten, einzigen Bruder und engen Vertrauten des Papstes aufgeführt.
Doch: Wann kommt der Papst? Wird er überhaupt kommen? Seine Gesundheit ist angegriffen, in diesen Novembertagen mehr denn je. Der Papst kann kaum mehr den Text des Angelus-Gebets vom Blatt ablesen und er klagt öffentlich, dass er Schwierigkeiten beim Sehen habe.
Für einen Moment öffnet sich die gewaltige Tür: Der Papst kommt
Auf einen braunen und einen weißen Gehstock gestützt, schlurft Georg Ratzinger langsam in die von Michelangelo so unvergleichlich ausgemalte Kapelle. Stille kehrt ein bei den 200 Anwesenden, nach einem freundlichen Applaus für den Hochbetagten. Stille – und knisternde Spannung. Noch ist das große Holzportal verschlossen, das im vatikanischen Palast den Übergang von den Privaträumen zu den Fest- und Empfangssälen markiert. Als ich mich ganz weit umdrehe, sehe ich einen Moment lang in den verbotenen, weil privaten Teil. Denn die Holztür öffnet sich kurz: Der Papst kommt. Zunächst auf einem Elektrowägelchen, dann die letzten Schritte zu Fuß. Weit kann der schmächtige, kleine Greis nicht mehr laufen. Er geht sehr langsam, umgeben von seinen engsten Getreuen, den vier Frauen der Gemeinschaft Memores Domini, die ihm den Haushalt führen. Die vier Italienerinnen tragen dunkle Kostüme. Schräg hinter dem Papst geht sein Sekretär Georg Gänswein, ein Hüne von Gestalt im Vergleich zu dem zerbrechlichen Pontifex. Wenige Wochen später wird Benedikt ihn zum Erzbischof weihen – und die Vatikanbeobachter kommentieren: »Der Papst versorgt seine Umgebung, er bestellt sein Haus.« Dann folgt der neue Kammerdiener, Nachfolger von Paolo Gabriele, der im Vatikan-Gefängnis sitzt, weil er Papstpost entwendet und der Presse gegeben hat. Die Vatileaks-Affäre hat das Vertrauen des Papstes tief erschüttert. Die Hintermänner blieben unerkannt. Vermutlich da dämmerte es Joseph Ratzinger, dass er den Rankünen der Kurienkardinäle nicht mehr gewachsen ist.
Joseph und Georg umarmen sich
Der Papst. Vorsichtig geht er. Im Trippelschritt der Greise. Er trägt rote Pantoffeln. Alles vollzieht sich langsam. Unsere Blicke kreuzen sich. Ein gebrechlich wirkender Mann, der mich etwas schräg von unten her scheu und doch freundlich anschaut. Dieser Moment dauert lang. Dann hebt er die Hand und segnet. Wie zerbrechlich der 85-jährige ist. Sein Blick ist ein grauer Greisenblick. Das Weiß der Augen ist nicht mehr hell. Kehrt sich der Papst den Leuten zu, muss er der Körper mitdrehen.
Er segnet und grüßt auf seine schüchterne Art. Und dann, nach zwei, drei Dutzend Metern, wartet auf ihn sein Bruder Georg, der ehemalige Domkapellmeister, dessen Brutalität gegenüber Buben im Knabenchor der Regensburger Domspatzen nicht vergessen ist. Die alten Brüder umarmen einander lange. Joseph und Georg. Zwei Kirchenmänner aus einer vergangenen Zeit.
Nach diesem Moment der Innigkeit gibt Kapellmeister Massimo Palombella, der Maestro Direttore der Papstchores, den Sängern den Ton. Nun erschallt a capella die Musik. Zuerst der Gregorianische Gesang Nos autem gloriari. Dann natürlich die Georg-Ratzinger-Messe. Am schönsten jedoch ist Palestrinas Credo. Bei diesem Gesang aus dem 16. Jahrhundert beginnen Michelangelos Weltgericht und die Deckengemälde zu schwingen, ja, sie scheinen zu tanzen. Der Papst aber, auf seinem Platz neben Bruder Georg, sieht es nicht. Sein Blick ist nach vorn gerichtet. Er schaut in eine andere Zeit.
