Wir brauchen Gotteslästerung!
Wer »Je suis Charlie« ernst nimmt und nicht nur als vorübergehende politische Laune versteht, kann nicht darauf verzichten, die Bedeutung dieser Parole zu klären. Noch ist es zu früh zu sagen, ob allen protestierenden Franzosen der tiefere Sinn ihres Bekenntnisses tatsächlich bewusst ist. Es waren Christen, Atheisten, Muslime, Buddhisten, Linke und Rechte auf den Demos dabei. Alle hatten ihr eigenes, persönliches Motiv zu sagen: »Je suis Charlie.« Aber sie haben immerhin doch dieses gemeinsame Bekenntnis gewagt. Es ist Ausdruck einer Art Identifizierung mit Charlie Hebdo.
Seit den friedlichen Demonstrationen vom 11. Januar ist alles andere als Friede eingekehrt in den Beziehungen zwischen einem demokratischen Europa mit seiner Pressefreiheit und den autoritär regierten Staaten der arabischen Welt. Unzweifelhaft ist aber: Charlie Hebdo ist nicht Schuld an den neuen, so heftigen, durchaus kriegerischen Auseinandersetzungen, die jetzt in Europa stattfinden. Wären mörderische salafistische Attacken im Europa dieser Tage ohne Charlie Hebdo ausgeblieben? Wohl nicht.
Weite Kreise des islamischen Fundamentalismus nehmen die Karikaturen nur zum Anlass, erneut mit aller Brutalität das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit niederzuknüppeln. Auch in Europa gibt es jetzt viele Stimmen, die sich zwar hübsch grundsätzlich zur Pressefreiheit bekennen, dann aber das berühmte »Ja-aber« anschließen: Aber bitte nicht zu heftig, bitte niemals jemanden verletzen. Schon gar nicht religiöse Menschen, die doch ihr festes dogmatisches Weltbild erhalten wollen. Auch Papst Franziskus hat sich so während seiner Asienreise in diesen Tagen in dem Sinne geäußert. So haben Beobachter den Eindruck: Religiöse und politische Führer in Europa wollen wieder bestimmen, was in der Presse gesagt werden darf und was nicht.
Können das demokratisch gesinnte Menschen hinnehmen? Haben wenigstens Europäer den Mut, einige Aspekte der »Philosophie« von »Je suis Charlie« wahrzunehmen und anzuerkennen?
Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt und sich mit dem Geist dieser Zeitung identifiziert, bekennt sich zur radikalen Form der Kritik, auch der Religionskritik. Sie ist öffentlich, drastisch, provozierend. Und sie befreit von Tabus und schafft Raum für neues Denken. Das spürten doch die Leserinnen und Leser, als sie am 14. Januar, eine Woche nach dem Mord, Schlange standen, um nur unbedingt das neueste Heft von »Charlie« noch zu erhalten. Die Auflage lag bei sieben Millionen Exemplaren. Auch in Deutschland waren die wenigen tausend Exemplare, die ausgeliefert wurden, in Minuten ausverkauft.
Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt, bekennt sich aber auch zur Möglichkeit, höchstselbst bis an die Grenze der Gotteslästerung Religionskritik zu üben. Denn ein Leitgedanke der Redakteure von Charlie Hebdo ist die Überzeugung: Gott als Gott kann kein Mensch »lästern«. Gotteslästerung ist nur eine zugespitzte Form, allzu menschliche Bilder von Gott sowie korrupte und politisch instrumentalisierte Frömmigkeitsformen zu kritisieren. Für diese Kritik sollten auch die Frommen dankbar sein, weil sie auf den Weg eines tieferen und selbstkritischen Glaubens geführt werden. Doch die meisten Frommen haben bisher dafür wenig Verständnis. Auch Christen können häufig nicht mit Humor auf ihre eigenen religiösen Praktiken schauen. Sie können sich zum Beispiel nicht über ihr frommes Gehabe amüsieren Ein harmloses Beispiel: Welcher Bischof lacht über sich selbst, wenn er seine Mitra aufsetzt, den Ring ansteckt und dann betulich wie ein Fürst der Renaissance durch die Kirche schreitet?
Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt und sich mit dem Geist dieser Zeitung identifiziert, bekennt sich auch zu der Erkenntnis, dass wichtiger als alle konkrete Religion, wichtiger als alle Dogmen und Gebote, wichtiger als alle so genannten heiligen Schriften die MENSCHLICHKEIT ist, die uns – so unterschiedlich wir auch sind – verbindet. Und die uns zur Gestaltung einer offenen, toleranten und demokratischen Gesellschaft aufruft, in der man leben und geistvoll streiten kann. Religion darf niemals zum Partner einer Diktatur werden. Auch das ist die Botschaft von Charlie Hebdo.
Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt, fordert: Legen wir bitte einmal für mindestens zehn Jahre alle dogmatischen Streitigkeiten – »Ist Gott dreifaltig oder nur einer? Ist die Bibel und ist der Koran eine heilige, unantastbare Schrift?« usw. – beiseite. Lassen wir den religiösen Eifer ruhen! Und planen wir stattdessen eher gemeinsame Veranstaltungen zur Entwicklung der Menschlichkeit. Sorgen wir für mehr Gerechtigkeit. (Lesen Sie weiter auf Seite 2)
Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt, bekennt sich nicht zuletzt zu der Überzeugung, dass jeder seine persönliche Frömmigkeit bitte eher privat als öffentlich pflegen sollte. Und zwar immer von einer doppelten Frage geleitet: Ist meine Frömmigkeit kompatibel mit den Menschenrechten? Und: Ist sie kompatibel mit der Grundtendenz des heiligen Textes, den ich verehre? Für Christen wie für Juden und Muslime könnte doch die gemeinsame Erkenntnis gelten: Unser jeweiliger Gott will vor allem Frieden auf Erden. Einzig diesem Kriterium folgt die Lektüre angeblich heiliger Texte.
»Je suis Charlie« bedeutet: Nehmt das gemeinsame Menschliche wichtiger als das Religiöse! Nehmt die Geschichtlichkeit der so genannten heiligen Bücher wahr. Erkennt: Gott als Gott kann nicht sprechen. Alle heiligen Bücher sind Menschenwerk! Kein Mensch kann beanspruchen, im Namen Gottes zu handeln und auf der Seite Gottes zu stehen.
»Je suis Charlie« diese Parole bedeutet: Kümmern wir uns zuerst und immer um die bessere, gerechtere Welt und Gesellschaft! Lesen wir doch bitte wieder mal Voltaire und die anderen Philosophen des siècle des lumières: Lassen wir uns den Geist der Aufklärung (auf Französisch Lumière, Licht) nicht schlechtreden von Leuten, die oft anstelle des Lichtes die schummrige Finsternis der etablierten Machthaber lieben.
Mit Muslimen werden diese Themen in aller Deutlichkeit angesprochen werden müssen. Es ist ja kein Ausdruck europäischer Arroganz, wenn ihnen eine Reformation ihrer eigenen Theologie und Religion nahe gelegt wird. Dabei werden die Christen bekennen: Wir brauchten fast 2000 Jahre, eher wir den durchaus positiven Sinn von Religionskritik und Gotteslästerung entdeckten. »Bitte, liebe Muslime«, so könnte man sagen, »so viel Zeit habt ihr nicht, angesichts der trostlosen, kriegerischen und terroristischen Situation in der Welt!« Ob diese Worte Gehör finden?
Die Alternative ist klar: Der Weg der Gewalt führt ins Nichts. Wir haben nur das Gespräch, die Erkenntnis, die allen Menschen gemeinsame Vernunft, die sich in den Menschenrechten ausdrückt. Die hingerichteten Journalisten von Charlie Hebdo sind ihren Weg der Aufklärung gegangen. Unermüdlich. Trotz aller Drohungen. Niemand soll diesen Weg mehr mit dem Tod bezahlen müssen!
