Amirs Traum (9)
Amir* müsste erst das deutsche Abitur nachholen, um hier an einer Uni studieren zu können. »Ich möchte nicht noch einmal umziehen«, sagt Amir. Verständlich, denn er hat schon viele unsichere Phasen hinter sich.
Er ist mit Anfang zwanzig aus Syrien geflohen und hat fünf Monate in Ägypten gelebt. Er ist mit falschen Papieren nach Rom geflogen, von dort aus ging es nach Berlin zu seinem Bruder. Dort durfte er nicht bleiben, sondern musste weiter ins bayerische Zirndorf.
Nach fünf Monaten im dortigen Flüchtlingsheim zog er in einen Gasthof im kleinen Markt Wachenroth. Und nach monatelanger Wohnungssuche hat er ein WG-Zimmer in der Universitätsstadt Erlangen gefunden.
Dann ist es vielleicht besser, wenn er ab Herbst eine Ausbildung macht, sagt er sich. Er möchte arbeiten und eine sichere Zukunft haben. Noch einmal zwei Jahre zur Schule gehen und dann erst an die Uni? Das ist zu viel für ihn. Auch verständlich, da er in Syrien schon gearbeitet hat.
Im Integrationskurs lernt er nicht nur die deutsche Grammatik. Die Lehrer erklären auch, wie man Bewerbungen und einen Lebenslauf schreibt. Das hilft ihm, ganz alleine würde er das noch nicht schaffen. Mehrere Bewerbungen hat er schon geschrieben.
Er hat schon Post bekommen, einen großen Umschlag, mit seiner Mappe drin. »Schade, dass ich eine Absage bekommen habe«, sagt er. Als er mir das Schreiben zeigt, sehe ich, dass es gar keine Absage ist. Da steht nur, dass das Unternehmen die Unterlagen elektronisch erfasst hat, erst einmal nicht mehr benötigt und deshalb zurückschickt. Die Entscheidung, wer den Ausbildungsplatz erhält, wird erst noch getroffen.
Hätte er mir das Schreiben nicht gezeigt, wäre das wohl unbemerkt geblieben. Wenn der große Umschlag zurückkommt, bedeutet das eigentlich immer, dass man eine Absage erhält.
Amir hat inzwischen weniger Zeit. Er hat vormittags und nachmittags Unterricht. Die Abschlussprüfung seines Deutschkurses steht bald an. Er hat noch Schwierigkeiten beim Hörverstehen und er möchte unbedingt eine gute Note schaffen, deshalb lernt er viel. Im Imbiss arbeitet er jetzt am Wochenende.
In der Zwischenzeit meldet er sich mit einer Nachricht. Er hat befürchtet, dass es passieren könnte, aber immer gehofft, dass es nicht so kommt. Ein Verwandter ist in Syrien getötet worden, auf ziemlich grausame Weise, das hat er von seiner Familie erfahren. Amir trauert. Gleichzeitig scheint er auf erschreckende Weise schon fast abgeklärt. Er sagt: »Tja, so ist das in Syrien.«
Ich denke darüber nach. Vielleicht zeigt er seine volle Trauer nicht nach außen. Vielleicht wollte er das Gespräch über dieses Thema lieber schnell beenden, weil es zu sehr wehtut. Aber genauso gut kann es auch sein, dass er so abgeklärt ist. Schließlich weiß er aus eigener Erfahrung, wie gefährlich das Leben in Syrien ist.
Amirs Leben geht weiter. Er weiß aber noch nicht, wie. Fünf Absagen auf seine Bewerbungen für eine Ausbildung hat er inzwischen erhalten. Im Herbst wird er keine Ausbildung mehr als Mechatroniker oder Elektriker anfangen können. Er möchte einen Computer- und einen Englischkurs belegen, um seine Chancen auf eine Ausbildung im nächsten Jahr zu erhöhen.
Noch hat er eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung. Wenn die drei Jahre um sind, werden die Gutachter prüfen, wie gut sein Deutsch geworden ist, ob er eine Ausbildung gefunden und sich gut eingelebt hat.
Amir ist ein Kämpfer, er gibt nicht auf. Er hat einen neuen Traum: Er möchte gerne den Führerschein machen. Nicht jetzt, aber vielleicht, wenn er eine Ausbildung hat und eine Weile gespart hat. Er weiß, dass es schwer sein wird, dass er viele Vokabeln lernen muss, auch die Straßenschilder und Verkehrsregeln, die hier anders sind als in Syrien. An seinem Kampfgeist und seiner Motivation wird es nicht scheitern, da bin ich mir sicher.
