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Soviel du brauchst

Was für ein seltsames Motto, das hier überall auf den blauen Fahnen im kühlen Frühlingswind weht und auf den Bannern des Kirchentages prangt: »Soviel du brauchst.« Es ist ein Satz aus biblischer Zeit, eine Zusage für Menschen, denen das Nötigste zum Leben fehlt. Aber was hat er uns schon zu sagen, die wir in wohltemperierten ICEs und flotten Automobilen nach Hamburg gekommen sind? Wir haben doch längst soviel wir brauchen!
von Eva-Maria Lerch vom 02.05.2013
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»Jeder Deutsche besitzt im Durchschnitt 10.000 Gegenstände«, erklärt Werner Tiki Küstenmacher am Donnerstagmorgen vor mehr als tausend Zuhörern im Musikpavillon einer Hamburger Parkanlage. »Zählen Sie mal durch: Wahrscheinlich sind es bei Ihnen zuhause sogar noch mehr. Die Zahl der Dinge, die wir besitzen, hat sich binnen zwei Generationen verzehnfacht!«

Und genau das scheint nun unser Problem zu sein, sonst stünden hier nicht Hunderte Menschen stundenlang in einem windigen Park herum und starrten auf einen Mann, der ihnen sagt, wie man das ganze Zeug wieder los wird. Küstenmacher gibt hier Tipps, wie wir uns von den vielen Gegenständen trennen, die unsere Häuser, Schränke und Lebensräume verstellen. Mit dem »Simplify«-Programm ist er inzwischen zu »einem der hundert gefragtesten Redner des Landes« geworden, wie der Moderator im Pavillon erklärt hat.

»Zu viele Sachen belasten die Seele«, beschreibt der Theologe Küstenmacher den seelsorglichen Sinn seines Entrümpelungs-Programms. »Nachdem sie aufgeräumt und sich von überflüssigem Ballast befreit haben, fühlen sich die Menschen befreit. Es geht ihnen besser.« Und er deutet auch die politische Dimension des privaten Reichtums an: »Wenn Sie Ihren Kleiderschrank öffnen, blickt Ihnen die der ganze Globus entgegen.« In Form von Hosen und T-Shirts aus China, Indien und Bangladesch, zusammengenäht von Arbeitern, die von ihrem Lohn kaum leben können. Vielleicht auch von den Näherinnen, die vor Kurzem unter den Trümmern einer maroden Fabrik in Dhaka begraben wurden… Was für ein Wahnsinn.

Später finde ich im Hotel eine Bibel und suche das zweite Buch Mose, aus dem das Motto dieses Kirchentags genommen ist. Es berichtet von den Israeliten, die in der Wüste zu verhungern drohen, als plötzlich das Manna vom Himmel fällt. Sie sammeln es ein, »und keiner, der viel gesammelt hatte, hatte zu viel. Und keiner, der wenig gesammelt hatte, hatte zu wenig.«

Soviel du brauchst: Es mag ein erster Schritt sein, unsere Schränke zu entrümpeln. Aber das allein wird nicht reichen, damit dieses Motto Wirklichkeit wird.

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Personalaudioinformationstext:   Eva Baumann-Lerch ist ständige Mitarbeiterin von Publik-Forum.
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