Theologie und Kirche weit voraus
In seinem neuen Buch »Wahrheit in Vielfalt« geht Perry Schmidt-Leukel klar über den Stand der Debatte des religiösen Pluralismus hinaus. Der universitären und kirchlichen Theologie der christlichen Konfessionen ist er weit voraus. Obwohl der Professor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Uni Münster traditionelle Stücke verschiedener Theologien weiterführt, kann es klassisch orientierten Gläubigen, besonders konservativ geprägten Kirchenverantwortlichen, den Atem verschlagen. Schmidt-Leukel entwirft sein Modell religiöser Vielfalt nicht ohne Rückbindung an die eigene Herkunft als christlicher Theologe. Längst bewegt sich eine anwachsende Gruppe von Gläubigen in Richtung ökumenischer, interreligiöser, interkultureller und geistiger Vielfalt. Schmidt-Leukel bietet ihnen und den theologisch geschulten und interessierten Glaubenden in Christentum, Judentum, Hinduismus, Buddhismus und auch in den chinesischen Religionen eine Plattform an, eine Landkarte, in der Orientierungssuche, Reflexion, Sprachfindung und Themenklärung für einen Dialog zusammenfinden.
Dazu entwickelt er ein aus der Mathematik entlehntes Modell. Es geht um »eine fraktale Interpretation religiöser Vielfalt«, die die Koexistenz von Wahrheit und Wahrheitsanspruch in den Religionen auf eine neue Ebene hebt. Es finden sich fraktale Erscheinungsformen in der Natur: Etwa sind die Anzahl der Stufen von selbstähnlichen Strukturen begrenzt. Typisch sind die fraktalen Strukturen bei der grünen Blumenkohlzüchtung Romanesco und bei den Farnen. Auch der Blumenkohl hat einen fraktalen Aufbau, wobei man es diesem Kohl nicht gleich ansieht. Weit verbreitet sind fraktale Strukturen ohne strengen, durchaus auch nicht perfekten Aufbau, aber mit statistischer Selbstähnlichkeit. Dazu zählen etwa Bäume, Blutgefäße, Flusssysteme. So wird ein Bauprinzip vielfältig skaliert und führt zu ähnlichen Gestaltungen.
Entsprechend diesem Modell betrachtet Schmidt-Leukel zunächst die pluralistischen Ansätze und Entwicklungen in den genannten Religionen, um dann zur »Interreligiösen Theologie« überzuleiten. Jede Religion trägt in sich bereits eine Vielfalt, die sich in den jeweils anderen Religionen spiegelt. Schmidt-Leukel nimmt – durchaus im Widerspruch zum Selbstverständnis etlicher ihrer Vertreter – eine innere Selbstähnlichkeit der Religionen an. Er sucht im Buch aufzuweisen, wie es in der Vielfalt eine plurale Einheit gibt. Die Fremdheit der anderen ist geringer als gedacht; die eigene Fremdheit wird besser verstanden. Was es braucht, ist ein theologischer Vertrauensvorschuss, die Annahme der Einheit von Wirklichkeit, die Rückbindung an den interreligiösen Diskurs und die Bereitschaft zu einem dauerhaften Dialogprozess mit offenem Ausgang. Mut gehört dazu und die Landkarte von Perry Schmidt-Leukel.
