Ein Platz an der Krippe
Anders als bei Matthäus und Lukas beginnt die Geschichte Jesu von Nazareth im Markusevangelium nicht mit der Kindheitsgeschichte, sondern mit Taufe und Versuchung Jesu; und so heißt es fast lapidar: »Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.« Der Evangelist spielt damit bewusst auf die Friedensvision des Jesaja-Buches im Alten Testament (Kapitel 11) an, in der der Wolf beim Lamm liegt, Kalb und Löwe zusammen weiden und von einem Knaben gehütet werden.
Damit klingt ein Thema an, das in der christlichen Theologie fast vergessen ist, hat sie doch ihr Augenmerk sehr auf Jesus, den Mittler der Erlösung, gelegt. Dieser ist auch Mittler der Schöpfung, wie es unter anderem der Brief an die Kolosser zum Ausdruck bringt: »Das Kind göttlicher Liebe ist Abbild der unsichtbaren Gottheit, eingeboren in der Schöpfung. Denn in ihm ist alles im Himmel und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und auch das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten. Alles ist durch es und auf es hin geschaffen« (Kolosser 1, 15-23).
An die Anfänge denken! Das gehört zu Weihnachten. Und wenn Markus an den Neubeginn Gottes mit uns Menschen denkt, dann schaut er ganz weit zurück: auf die Geschichte Adams, der es im Garten Eden auch mit den wilden Tieren zu tun hatte, ja, diese zu benennen hatte, noch bevor Eva ins Spiel kam.
Angenommen, Sie seien Adam oder Eva und bekämen die Möglichkeit, noch einmal umzukehren ins verlorene Paradies; vermutlich würden Sie sich die Augen reiben. Denn Ihre Mitgeschöpfe, die Tiere, sind immer noch da! Über ihr Schicksal nach jenem unseligen »Sündenfall« schweigt sich die Bibel aus. Aber es ist plausibel anzunehmen, dass sie ihre ursprüngliche Heimat nicht verlassen mussten.
Mit diesem Gedanken befinden wir uns in außerordentlich guter Gesellschaft. Der große Theologe Thomas von Aquin sagt über die Tiere, dass ihnen eine größere »Gottunmittelbarkeit« zukomme, da sie im Gegensatz zum Menschen unmittelbar von Gott bewegt werden. Versuchen wir, dies zu übersetzen.
Leben in der Gegenwart
Das bewusste Leben des Menschen in und mit der Zeit stellt evolutionsbiologisch den Beginn allen Kulturschaffens und aller Religiosität dar. Erst der planende Blick nach vorn, voller Hoffnung auf das nächste Frühjahr oder voll großer Not, was die Zeit nach dem Tod angeht, macht den Menschen zum Menschen. Und auch in meinem Alltag ist die Planung des morgigen Tages und die Bearbeitung des gestrigen wesentlicher Bestandteil.
Doch meine Spiritualität lebt auch von etwas anderem: vom Ankommen und Verweilen im Hier und Jetzt. Dies zu üben ist tägliche Aufgabe. Dabei können sie mir helfen, die Mitgeschöpfe. Denn sie fragen nicht nach morgen und erinnern so – ebenso wie die Kinder – an die tiefe Sehnsucht, ganz im Augenblick leben zu können.
Leben in der Wahrnehmung
All unser Tun verdankt sich dem Dreischritt: Wahrnehmen – Denken – Handeln. Auch hier kam es im Laufe der Zeit immer mehr zu einer Akzentverschiebung: Im aufdämmernden Bewusstsein bestimmen mehr und mehr denkerische Leistungen wie Abstraktion und Systematisierung das menschliche Leben.
Es besteht kein Zweifel, dass das hoch entwickelte Denkvermögen für den Erfolg des modernen Menschen maßgeblich verantwortlich ist. Zugleich stellt es immer dann ein Hindernis dar, wenn es um die unmittelbare Wahrnehmung der Wirklichkeit geht. Während wir Menschen nur zu oft von unserem Intellekt und unseren Vorstellungen her die Welt deuten, zeichnet das Leben der Tiere das Verbleiben in der Wahrnehmung aus – eine Existenzweise also, um die sich die Mystik aller Religionen ständig bemüht.
Und auch dies zu üben verändert meinen Alltag: Dass das Denken ruhen kann und ich ganz bei Sinnen bin, dass ich im Hören, Schauen, Riechen, Tasten und Schmecken die Tiefendimensionen meiner natürlichen Mit-Welt wahrnehme und erkenne. Dies bekommt nicht nur mir selbst, sondern allen, denen ich begegne.
Beheimatet-Sein
»Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis«, heißt es im ersten Kapitel des Jesaja-Buches. Die Fragen: Wer bin ich und wohin gehöre ich? sind dem Tier fremd. Sie sind Folgen des Bewusstseins, sich in Distanz zur Welt und zu sich selbst zu befinden. Auch hier gilt, dass der evolutionäre Vorteil des Menschen zugleich ein Handicap nach sich zieht.
Eingebunden zu sein in einen größeren Sinnzusammenhang und von der Erkenntnis erfüllt zu sein, den eigenen Ort bei Gott und somit in der Welt zu haben, gehört in den Grundbestand der menschlichen Sehnsucht. Schon der Prophet Jesaja sah die Erfüllung dieser Sehnsucht in Ochs und Esel verkörpert; spätere Künstlerinnen und Künstler setzten jene beiden an die Weihnachtskrippe, wohl wissend, dass ihnen ein unverzichtbarer Platz innerhalb des Mysteriums von der Menschwerdung Gottes zukommt.
Auch Tiere haben eine Seele
Erst seit dem 16. Jahrhundert wird das Wort »animalisch« mit »fremd« identifiziert; ursprünglich gehört »animal« (das Tier) zu »anima« (Atem, Seele). In heutigen Diskussionen ist das Argument, die Tiere hätten im Gegensatz zum Menschen keine Seele, eines der meistformulierten, und es wird oft gerade von denen vertreten, die sich als Christinnen und Christen verstehen. Wie ist es möglich, dass die biblische Wertschätzung für die Tiere, die bis in die sprachliche Verwandtschaft von Seele und Tier gereicht hat, verloren gegangen ist?
Die Geschichte des menschlichen Denkens hat im 15./16. Jahrhundert eine große Veränderung erfahren. In einer Zeit, in der das Selbstverständliche nicht mehr trug (Kopernikanische Wende, Reformation und Religionskriege, Pestepidemien), stand die Frage nach dem Menschen neu zur Disposition: Was macht ihn aus? Welche Rolle kommt ihm zu im Gesamt des Lebendigen?
Durchgesetzt hat sich der rationalistische Ansatz des französischen Philosophen René Descartes, wonach allein das Denken sicher sei: »Ich denke, also bin ich« (cogito ergo sum). Da die Tiere seiner Ansicht nach nicht denken können, sind sie lediglich »seelenlose Automaten«. Sowohl die Geschichte der Tiere als auch dessen, was uns Menschen im Innersten beseelt, nahm hier eine fatale Wende. Vom Denken über Gott, den »Liebhaber des Lebens«, ganz zu schweigen …
Wir würden heute nicht nur anders denken und glauben, sondern uns auch der Natur gegenüber grundsätzlich anders verhalten, wäre das europäische Denken nicht René Descartes gefolgt. Und dieser hätte sicher anders gedacht, wenn er einerseits das biblische Tier- und Menschenbild gekannt und andererseits Kenntnisse über die enormen Denk- und Gefühlsleistungen der Tiere gehabt hätte.
Der »Kluge Hans« war ein Pferd, das Anfang des vergangenen Jahrhunderts Wissenschaftsgeschichte geschrieben hat. Sein Besitzer, der Schausteller Wilhelm van Osten, zog mit diesem Wundertier umher, denn es konnte scheinbar rechnen: Wenn jemand dem Tier beispielsweise zurief: Wie viel ist sieben plus neun?, dann stampfte Hans 16 Mal mit dem Huf. Erst der Psychologe Oskar Pfungst fand damals heraus, dass das Tier auf völlig unbeabsichtigte Bewegungen seines Besitzers oder des Publikums reagierte, etwa auf eine geringe unabsichtliche Entspannung oder ein leichtes Ausatmen zu genau jenem Zeitpunkt, da Hans bis 16 gezählt hatte. Das Pferd war so feinfühlig, dass ihm allein schon geringe Bewegungen der Augenbrauen oder eine Erweiterung der Nasenflügel ausreichten, um die richtige Antwort zu finden. Aber anstatt diese unglaublichen sinnlichen Fähigkeiten zu erkennen und wertzuschätzen, endete die Karriere des eben doch »dummen« Pferdes beim Pferdemetzger.
Die moderne Verhaltensbiologie, die sich nicht nur mit den Meisterleistungen von Pferden beschäftigt, ist inzwischen aus dem Schatten Descartes’ herausgetreten. Sie belegt, dass Tiere über emotionale, soziale und ökologische Intelligenz verfügen. Damit teilt sie Erkenntnisse der neueren Hirnforschung. Diese zeigen, dass Emotionalität eine zentrale Grundlage für angemessenes Verhalten ist – und nicht allein Rationalität.
Der Neurobiologe Antonio Damasio erzählt in seinem Buch »Ich fühle, also bin ich« von hirngeschädigten Patientinnen und Patienten. Alle, deren Gefühlszentrum – das limbische System – beschädigt ist, handeln nicht mehr vernünftig. Mit dieser Erkenntnis stellt er den leitenden Grundsatz der Neuzeit, wonach der Mensch sich besser nicht von seinen Gefühlen, sondern nur von seinem Denken leiten lassen solle, auf den Kopf (oder besser: wieder auf die Beine).
Schimpansen sind Persönlichkeiten
Bis in die 1960er-Jahre wussten wir über wildlebende Schimpansen zu gut wie nichts. Der Verhaltensforscherin Jane Goodall verdanken wir grundlegende Erkenntnisse über unsere haarigen Vettern. In ihrer über zwanzigjährigen Beobachtungsarbeit hat sie ein komplexes Bild jener Tiere gezeichnet. Es sind Mitgeschöpfe, die uns in allem – auch beängstigend – nahe stehen. Sichtbar wird bei ihnen das gesamte Verhaltens- und Gefühlsrepertoire; denn Schimpansen sind nicht nur geschickte Werkzeugmacherinnen, fürsorgliche Eltern und eifersüchtige Liebhaber, sondern auch mordgierige Kriegsführer.
Jane Goodall – heute UNO-Friedensbotschafterin, 17-fache Ehrendoktorin und Trägerin vieler Ehrentitel – wurde zu Beginn ihrer Arbeit scharf kritisiert, weil sie unbekümmert Worte wie Kindheit, Jugend, Motivation, Erregung und Stimmung verwendete, um das Leben der Schimpansen zu beschreiben. Ein noch grässlicheres Vergehen bestand darin, dass sie Schimpansen selbstverständlich eine Persönlichkeit zusprach.
Heute wissen wir, dass Schimpansen sich tatsächlich im Spiegel erkennen und sich in andere hineinversetzen können. Der Sprung zum Homo sapiens ist nicht mehr weit. Es kann sein, dass uns Menschen letztlich nur die Transzendenzfähigkeit vom Tier unterscheidet: der Mensch als der Gott-Sucher …
Wie gut, dass Ochs und Esel ihren festen Platz an der Krippe Jesu haben! Erinnern sie doch daran, dass Weihnachten das Friedensfest der ganzen Schöpfung ist. Und diese besteht nicht primär aus »Sonne, Mond und Sternen«, sondern aus leibhaftigen, fühlenden Mitgeschöpfen. Der Dichter Elias Canetti sagt: »Mit zunehmender Erkenntnis werden die Tiere den Menschen immer näher sein. Wenn sie dann wieder so nahe sind wie in den ältesten Mythen, wird es kaum mehr Tiere geben.«
Es stimmt: Immer mehr Säugetiere, Amphibien, Reptilien, Fische und Vögel in den atemberaubenden Lebensräumen dieser Welt verschwinden. Wenn das so weitergeht, werden schon im Jahr 2020 bis zu einem Drittel aller Arten ausgerottet sein. Und auch die anderen Tiere verschwinden – aus unserem Blick. Denn sie leben in immer größer werdenden Tierfabriken: die Puten, Hühner und Schweine. Ihre Zahlen werden immer größer, denn der Hunger der Menschen nach immer mehr – möglichst billigem – Fleisch wird immer maßloser.
Wenn der Evangelist Markus dem auferstandenen Jesus als Vermächtnis das Wort in den Mund legt: »Verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!« (Mk. 16,15), dann meint das sicher nicht, sie zu »bepredigen«, sondern sie im Rahmen einer lebendigen Spiritualität und innerhalb eines verantwortlichen christlichen Lebensstils wertzuschätzen und zu würdigen. Auch daran erinnert Weihnachten.
