Und Maria erschrak ...
»Maria erschrak«, heißt es im Lukasevangelium, als der Engel Gabriel einer jungen Frau aus dem Stamme Davids verkündet, dass sie ein Kind gebären wird. Schon dieses spontane Erschrecken verband mich damals mit der biblischen Maria. Ich hatte schon zwei kleine Söhne – drei und ein Jahr alt – als mir ein Engel in Gestalt meiner Gynäkologin verkündete, dass ich noch im selben Jahr ein drittes Kind auf die Welt bringen sollte. Voraussichtlicher Geburtstermin: 24. Dezember.
Dieses erste Erschrecken, von dem fast alle Schwangeren erzählen, verwandelte sich ein paar Tage später in tiefes Einverständnis, in stille, jubelnde Hoffnung. Mein Mann und ich waren beinahe stolz, in diesem raschen Tempo so eine richtig große, quirlige, kinderreiche Familie zu begründen. Auch wenn die eine oder andere Nachbarin noch schwere Bedenken äußerte (»Wie willst du das denn schaffen?« – »Ja, wie viele Kinder wollt ihr denn noch?«) wuchs Monat für Monat die Erwartung auf unser ganz persönliches Fest der Geburt.
In keinem anderen Jahr habe ich mit soviel innerer Bewusstheit die Kerzen am Adventskranz angezündet. Jede von ihnen brachte uns dem Geheimnis näher. Auch unsere beiden kleinen Jungen zählten bereits mit, warteten mit ungeduldiger Ehrfurcht auf das Weihnachtsfest – und auf ihre Verstärkung.
Doch am heiligen Abend blieb das Christkind aus. Im Wohnzimmer stand zwar der Weihnachtsbaum, unsere beiden Kleinen freuten sich an der Bescherung – das größte aller Geschenke aber blieb in der Verpackung. »Vielleicht ist da ja doch kein Baby drin?«, fragte unser Ältester ungläubig, als er beim Zubettgehen noch einmal über meinen dicken Bauch strich.
Am ersten Weihnachtstag wurde das Warten unerträglich. Nur unsere Hebamme freute sich, dass sie selbst erst mal ungestört mit ihrer Familie Weihnachten feiern konnte, bevor wir sie zu uns ins Haus riefen. Schon unser zweites Kind war mit ihrer segensreichen professionellen Hilfe zur Welt gekommen, und wir planten auch diesmal eine Hausgeburt.
Am Abend des zweiten Weihnachtstags setzten endlich die Wehen ein. Eine Freundin kam sofort zum Helfen und brachte in der oberen Etage unseres Hauses erst mal die Kinder ins Bett. Obwohl wir die Geburt im Schlafzimmer vorbereitet hatten, entschieden wir uns spontan, im Wohnzimmer zu bleiben, damit die Kleinen oben in Ruhe weiterschlafen konnten. Als die Hebamme dann ins Haus kam, packte sie ihren Koffer im Wohnzimmer aus, stellte den Wehenschreiber unter den Weihnachtsbaum und legte mir den Wehengurt um. Der Fortgang der Geburt und die Herztöne des Ungeborenen wurden so auf fortlaufendem Papier dokumentiert – und im Laufe der Nacht wellte sich eine lange Papierschlange unter der Lichtertanne.
Auch wenn es sich heute so anhört – idyllisch war diese Geburt nicht. Sie war so schwer und so schmerzhaft und schrecklich wie Geburten immer sind – auch die Entbindung im Stall von Bethlehem sollte wohl kaum so idyllisch gewesen sein, wie sie heute in Millionen von Krippendarstellungen inszeniert wird.
Und dann war auch noch das Baby in Gefahr. »Die Herztöne des Kindes gefallen mir gar nicht«, sagte die Hebamme ernst: »Wir müssen ins Krankenhaus.« Mein Mann griff zum Telefonhörer und rief den Rettungswagen.
Als die Sanitäter eintrafen, hatte sich die Lage aber schon beruhigt. Das Herz des Kindes schlug wieder regelmäßig, und die Presswehen hatten bereits eingesetzt. Mein Mann lief den Fahrern entgegen und bat sie, mit dem Wagen vor dem Haus zu warten, um im Notfall sofort zur Stelle zu sein. So wachten die Männer dort draußen im Dunkeln auf der Straße – fast wie die Hirten auf dem Feld – und erhielten als erste die Nachricht von der glücklichen Geburt unserer Tochter Mirjam Christina.
Der erste Glückwunsch erreichte uns am nächsten Morgen auf einer schön gestalteten Postkarte mit dem Weihnachtslied: »Und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.«
Gerade heute, an diesem zweiten Weihnachtstag 2013, erinnert mich dieses Lied wieder sehr an Mirjams Geburt: Morgen wird sie 19 Jahre alt. Es ist das erste Weihnachten, das wir ohne sie verbringen. Mirjam macht derzeit einen Freiwilligendienst in einem Kinderheim in Ghana. Aber vielleicht können wir heute Abend noch mit ihr skypen. Dann zeigen wir ihr über Bildschirm den Tannenbaum und erzählen ihr noch einmal vom Fest ihrer Geburt.
Mit dem heutigen Text beenden wir unsere siebenteilige Online- Serie »Weihnachten erleben«. Wenn Sie noch einmal die Texte zu allen sieben Weihnachtsworten – Anfang, Brot, Credo, Dabeisein, Ehrfurcht, Freunde, Geburt – lesen möchten, klicken Sie einfach auf die Texte im Serienkästchen zu Anfang dieses Artikels.
