Aufbruch in das Land des Zorns
In Ägypten brodelt es seit Langem. Doch die blutigen Ausschreitungen der zurückliegenden Tage zeugen von den immer massiver werdenden Konflikten vor der entscheidenden Wahl am 23. Mai. In wenigen Stunden schon werde ich am Tahrir-Platz stehen, an dem sich nicht nur das Schicksal des alten Mubarak-Regimes entschieden hat. Das Herz Kairos sandte Stoßwellen in den gesamten arabischen Raum. Die zornige Jugend Ägyptens lehrte Diktatoren das Fürchten. Doch was folgt auf den Zorn, der ein Regime zum Einsturz brachte? Diese Frage treibt mich um.
Erinnerungen an die Zeit vor gut zwanzig Jahren werden wach, als in unserer Nachbarschaft friedliche Demonstranten Staats- und Blockgrenzen einrannten. Auf die Euphorie der Wendezeit folgten harte Jahre, Enttäuschung, aber auch neue Lebensperspektiven.
Wird das auch für die Menschen in Ägypten gelten? Werden sie ein gerechteres System aufbauen können? Der Streit um die neue Machtverteilung ist 17 Tage vor der Präsidentschaftswahl voll entbrannt. Liberale, Islamisten und das allmächtige Militär kämpfen um Pfründe. Werden sich die in Demokratie so ungeübten Machtzentren tatsächlich dem Wählerwillen beugen? Und wird sich vor allem das Militär einer zivilen Kraft unterstellen? Es hat ja nicht nur politischen Einfluss, sondern um erhebliche wirtschaftliche Macht.
Viele Fragen nehme ich mit, manchen Vergleich und noch mehr Bilder, die sich mit Gehörtem und Gelesenem in den vergangenen Monaten entwickelt haben. Was wird davon bleiben? Und wie kehre ich zurück aus einer Region, die zu den Hotspots der Politik zählt?
Ich hoffe auf einen Wandel, der vielleicht in einer arabischen Form von Demokratie endet. Aber ich lebe auch mit dem Verdacht, dass dem Umsturz nach dem Arabischen Frühling kein breiter Aufbau folgen könnte und Ägypten ein Land nicht endender Unruhen wird.
