»Ihr Deutschen verratet uns«
Andrej Bondarenko hat etwas, was man immer weniger in der Ukraine antrifft. Er kann sich nicht freuen, wenn ein Gegner getötet wird. Andrej ist Kommunist, Mitglied im Bezirksrat von Dnepropetrowsk. Lange wird er das nicht mehr sein. Das Verbotsverfahren gegen die Kommunistische Partei der Ukraine läuft bereits. Und sobald die Partei verboten ist, wird er auch seinen Sitz im Bezirksrat räumen müssen.
Noch zu gut kann ich mich an das schadenfrohe Lachen meiner Bekannten aus Lugansk erinnern, als wir über ein abgeschossenes ukrainisches Militärflugzeug sprachen. Dabei waren 49 ukrainische Militärs ums Leben gekommen. »Das haben sie gut gemacht, unsere Jungs«, hatte sie mir damals gesagt. Andrej liegt so eine Schadenfreude fern. Auch wenn es für ihn klar ist, wo der Feind steht: in Kiew und in der Regierung. Die Kommunisten, so Andrej, seien als einzige Partei gegen die Anti-Terror-Operation der Kiewer Regierung.
Auch vor dem Verbot der kommunistischen Partei haben die Verfolgungen schon eingesetzt. Wladislawa Schukowa, die wiederholt Anti-Kriegs-Aktionen organisiert habe, sei zu einer Arreststrafe von drei Wochen verurteilt worden, erzählt Andrej. Wjatscheslaw Bednjak, einem Kleinunternehmer mit 18 Bussen, sei die wirtschaftliche Grundlage entzogen worden. Unbekannte hätten seinen gesamten Fuhrpark in Brand gesteckt.
Große Sorge bereitet Andrej die zunehmende Vernichtung von Lenin-Denkmälern. Mit Mahnwachen vor solchen Denkmälern wollen die Kommunisten deren Abriss zumindest erschweren.
Wie weiter?
Noch sei der Krieg in Dnepropetrowsk nicht angekommen. Aber im Gegensatz zu allen meinen anderen Gesprächspartnern schließt Andrej dies nicht mehr aus. Der eigentliche Kriegsgrund im Donbass seien die Kapitalinteressen von internationalen Konzernen und ukrainischen Oligarchen.
»In den Gebieten Donezk und Lugansk war die Ausbeutung von Gas per Fracking im großen Stil geplant. Nur die Bevölkerung, die sich zunehmend gegen diese Fracking-Pläne gewehrt hatte, störte noch. Na ja, man braucht auch keine Bevölkerung für die Ausbeutung von Gas. Und als Abgeordneter des Bezirksrates von Dnepropetrowsk habe ich selbst erlebt, wie man 2013 internationalen Konzernen die Erlaubnis für Testbohrungen auch im Gebiet Dnepropetrowsk gegeben hat. Das macht mir Angst. Denn wenn die was finden, könnte es uns so gehen wie den Menschen in Donezk.«
Die Kommunistische Partei bereite sich auf das zu erwartende Verbot vor. Man werde dann eben in den Untergrund gehen, die Arbeit weiter dezentralisieren. Ob sich die Regierung mit dem Verbot wirklich einen Gefallen tue, bleibe dahin gestellt. »Solange wir Räumlichkeiten von der Stadt, Geld und Mitarbeiter bekommen, sind wir kompromissbereit. Doch mit einem Verbot ist es auch schnell vorbei mit unserer Kompromissbereitschaft.«
24.7.2014
Die ukrainische Parlamentsmehrheit hat die kommunistische Fraktion aufgelöst. Grund: sie sei von 32 auf 23 Mitglieder geschrumpft. Schnell hatte man zuvor noch die Geschäftsordnung geändert, um so mit diesem Trick die Kommunisten im Parlament mundtot zu machen. Die Abgeordneten sind zwar auch in Zukunft Abgeordnete, aber ohne Fraktionsstatus können sie weder reden noch Anträge stellen. In großer Aufmachung berichten ukrainische Zeitungen, wie Abgeordnete der rechtsradikalen Swoboda den Parteichef der Kommunisten, Pjotr Simonenko, mit Fäusten aus dem Saal befördern.
Mit dem Zug nach Charkow
Behindertenfreundlich sind die Bahnhöfe hier nun wirklich nicht. Keine Lifte, keine Rolltreppen, wie soll man da als Behinderter überhaupt reisen können?
Pünktlich um 13:50 Uhr verlässt der Zug Dnepropetrowsk – Moskau den Bahnhof von Dnepropetrowsk. Mein nächstes Reiseziel ist Charkow, 40 km von der russischen Grenze entfernt. Und zum ersten Mal seit über einer Woche sehe ich wieder die russischen Nationalfarben. Irgendwo am Fahrplan im Waggon ein sehr kleiner Aufkleber.
Der Zug ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Ich bin einer der wenigen, die schon nach sechs Stunden kurz vor der russisch-ukrainischen Grenze aussteigen werden. Hier sitzen viele ukrainische Staatsbürger neben russischen Staatsbürgern. Und dabei spielt die Staatsbürgerschaft überhaupt keine Rolle. Die Gemeinsamkeiten der Fahrgäste sind größer als die Differenzen. Man teilt sich das mitgebrachte Essen, die mitgebrachten Getränke. Alle im Zug sind Grenzgänger, die Ukrainer haben russische Freunde, die Russen ukrainische Freunde. Der gemeinsame Kampf gegen die unerträgliche Hitze, die gemeinsame Suche nach einem Fenster, das sich vielleicht öffnen lässt, das gemeinsame Warten auf das Reiseziel, all das ist wichtiger als die Staatsbürgerschaft. Schön, dass es immer noch gesellschaftliche Bereiche gibt, in die Politik und Krieg nicht dringen können.
Der Taxifahrer in Charkow
»Ich brauche die Revolution des Majdan nicht. Das Gas ist seitdem doppelt so teuer, Benzin auch. Gleich nach der Revolution sind die Preise hochgegangen. Das sei angeblich sinnvoll, damit wir endlich die europäischen Standards erreichen, erklärt man uns. Und was haben wir jetzt? Wir haben die Krim verloren, wir haben Terroristen im Donbass und Krieg. Meinen Sie wirklich, da gibt es so wenige Opfer wie unsere Zeitungen schreiben? Nein nein, mir hat ein Bekannter, der dort dient, mitgeteilt, dass da überall Leichen liegen. Ja ok, Putin ist schuld. Ich mag ihn auch nicht. Aber man macht es sich zu einfach, wenn man alles nur auf Putin schiebt.«
Karina
Karina ist Armenierin. Dass sie eine erfolgsverwöhnte Geschäftsfrau ist, sieht man ihrem energischen Auftreten an. »Ich war zwei Mal im Leben reich, richtig reich. Und zwei Mal schon habe ich alles verloren. Das erste Mal in den 90er Jahren, ich hatte damals einen Juwelierladen und eine Diamantenschleiferei, in Nagornij Karabach. Doch ich musste fliehen, habe alles stehen und liegen lassen, nur um mein Leben zu retten. Ich bin dann in den Donbass geflohen. Habe es auch da zu Reichtum gebracht, wieder mit einer Diamantenschleiferei und einem Juweliergeschäft. Und wieder musste ich alles liegen lassen, nur um mein Leben zu retten. Ich denke, ich gehe nach Russland. Dort leben Verwandte von mir, vielleicht kann ich bei ihnen unterkommen.«
25.7. 2014
Mein Hotel, das »Charkow« in der Prawda-Strasse, ist fast völlig ausgebucht. Mehrere Gruppen von Malaysiern, Interpol-Beamten und Australiern verbringen ihre Nächte im Hotel hier.
Heute werden die restlichen sterblichen Überreste der Toten des Flugzeugabschusses in die Niederlande geflogen. Gestern und vorgestern sind bereits vier Flugzeuge mit den sterblichen Überresten in die Niederlande geflogen worden. Den ganzen Tag wehten Charkows Fahnen auf Halbmast. Australier, Malaysier, Niederländer besuchten gestern das von einem symphonischen Orchester gespielte Requiem.
Der Anti-Kommunist
Wütend sieht Igor zum überlebensgroßen Lenin-Denkmal am Freiheitsplatz der Millionenstadt Charkow. »Das genau ist unser Problem. Solange wir uns nicht von unserer blutigen Vergangenheit trennen, die vor allem mit dem Namen dieses Mannes verknüpft ist, kommen wir nie auf einen grünen Zweig. Er hat doch den Begriff ´roter Terror` geprägt. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte es auch keinen Stalin gegeben. Ich habe Angst vor all denen, die sich an diesem Mann orientieren.« Igor arbeitet bei einer örtlichen Menschenrechtsorganisation und besucht regelmäßig die Euromajdan-Demonstrationen am Denkmal des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko. »Ich glaube einfach, wir kommen erst dann aus dem ganzen Schlamassel heraus, wenn wir europäische Normen und Werte haben. Und das geht nur mit der europäischen Union. Solange wir weitermachen als lebten wir immer noch in der Sowjetunion, wird bei uns nichts gutes kommen.«
Auch heute stehen, wie an jedem Tag, mehrere Polizisten vor dem Lenin-Denkmal. Eine Gruppe Malaysier posiert vor dem Denkmal, lässt sich fotografieren. Das Lenin-Denkmal ist eines der am besten geschützten Objekte in der Millionenstadt. Die Behörden haben Angst. Zum einen vor den Kommunisten und Anti-Majdan-Kräften, dass sie das Lenin-Denkmal als Ausgangspunkt einer Demonstration nehmen könnten, die dann in einer Besetzung eines öffentlichen Gebäudes endet. Zwei Mal, so berichtet Igor, sei dies schon passiert. Man hat aber auch Angst davor, dass Kräfte aus der Euromajdan-Szene das Denkmal mutwillig zerstören könnten.
In einem Charkower Vorort hatte ein steinerner Lenin linke Hand und rechten Arm verloren. Charkower Zeitungen rätseln, ob dies dem Zahn der Zeit oder einer mutwilligen Beschädigung zu verdanken ist. Doch der Stadtrat kümmert sich um Lenin, hatte sofort Gelder für die Restaurierung genehmigt. Nun sind Arm und Hand wieder dran am Lenin. »Lenin steht wieder aufrecht und wartet auf die Maler« schreibt ein Charkower Internet-Blogger.
»Ihr Deutschen seid schon nicht mehr ernst zunehmen. Ihr verratet die Werte, die ihr uns predigt. Ich duckt euch doch immer vor Putin. Eigentlich sind nur noch die Polen, die Schweden und die Briten unsere Freunde. Und natürlich Amerika. Schön dass Amerika uns nun einen Sonderstatuts als Bündnispartner gegeben hat. Damit sind wir de facto NATO-Mitglieder«, freut sich Igor. Merkel und Hollande missachtet er wegen derer »Anbiederung an Putin«.
Telefonat mit dem umkämpften Gorlovka
Anja aus Gorlovka, die auf Seiten der Aufständischen steht, berichtet mir telefonisch, diese Tage habe man vier »Grad« Flugabwehrraketen – Anlagen in Gorlovka aufgebaut. »Jetzt brauchen wir keine Angst mehr vor Luftangriffen zu haben.« Außerdem habe sich der Oligarch Achmetow, derzeit der reichste Mann der Ukraine, wieder auf die Seite der Volksrepublik gestellt.
