Snowden, mein Held
Vor einigen Monaten habe ich jenen Mann gesehen, der dafür sorgte, dass die Snowden-Story um die Welt ging. Da saß er, mitten in Hamburg, keine zehn Meter vor uns: der wohl einflussreichste Journalist unserer Zeit. Glenn Greenwald. Der Mann, der gemeinsam mit seiner Kollegin Laura Poitras Edward Snowden traf und der dafür sorgte, dass die Öffentlichkeit von der weltweiten Überwachung durch die NSA erfuhr.
Groß war er eigentlich nicht, unscheinbar fast. Aber er sprach mit einer festen Stimme, antwortete deutlich und sicher auf die Fragen, die ihm gestellt wurden bei der Vorstellung seines Buches »Die globale Überwachung«. Es ist die Geschichte von Edward Snowden und der NSA. Greenwald war ab und zu sogar witzig, ohne oberflächlich zu werden. Kurz: Er war authentisch. Und trotzdem fragte ich mich damals in Hamburg, ob ich ihm glauben konnte. Ihm. Und auch Snowden.
Ich muss gestehen, dass mir Snowden zu Beginn der NSA-Affäre suspekt war. Und zwar nicht deswegen, weil ich ihm nicht geglaubt hätte – dafür war die Faktenlage zu eindeutig und leider zu naheliegend. Nein, mir war dieses Heldische unheimlich. Ich bin einfach keine Freundin von Helden. Bei ihnen schwingt immer ein seltsames Pathos mit. Ein »Wenn-ihr-mich-nicht-hättet...«
Auch die weitere Berichterstattung änderte nichts an meiner Einstellung. Ich fand Snowden arrogant, als er sich weigerte, weitere Inhalte der Dokumente zu veröffentlichen. Auch seine Strategie, die Journalisten, seine eingeweihten Jünger, entscheiden zu lassen, wann wir was erfahren sollten, empfand ich als überheblich, ja fast als unfair der »normalen« Bevölkerung gegenüber.
Auch über die Medien habe ich mich geärgert. Sie stellten ihn schillernd mal als Helden, mal als Verräter dar. Wie soll man sich eine Meinung bilden in einem Fall, in dem jeder ein bisschen, aber nur ganz wenige Personen alles wissen?
Es ist die alte Geschichte von der Suche nach der Wahrheit. Wem glaube ich? Wem möchte ich glauben? Wer ist der Held und wer der Schurke in dem Kampf um die öffentliche Wahrnehmung?
Wahrscheinlich ist es unser Bauchgefühl, das am Ende die Entscheidung bestimmt. Glenn Greenwald und Laura Poitras jedenfalls verließen sich auf ihr Bauchgefühl, als sie Snowden unter konspirativen Umständen in Hongkong trafen. Sie entschieden sich nach diesem Treffen, ihm zu glauben. Weil sie merkten, dass sie ihm glauben konnten. Sie merkten es an seinem Auftreten, an seinem Faktenwissen, an seiner Entschlossenheit.
Auch mein Bauchgefühl bewirkte eine Meinungsänderung. Und zwar nachdem ich das Buch gelesen, und nachdem ich Greenwald live im Rahmen einer Exkursion, zusammen mit meinen Kommilitonen, in Hamburg gesehen hatte. Auf einmal war klar, warum Snowden diesen Weg der Veröffentlichung gehen wollte.
Greenwald zitierte damals Snowden mit folgendem Satz: »Ich möchte mich als die Person zu erkennen geben, die hinter den Enthüllungen steht. Ich fühle mich verpflichtet zu erklären, warum ich das tue und was ich damit erreichen möchte. (...) Ich habe bei alledem nur vor einem Angst, dass die Menschen diese Dokumente sehen und mit einem Achselzucken darüber hinweggehen.«
Snowden hat die Rolle des »Helden« auf sich genommen. Und zwar, um die Menschen dieser Welt – und in diesem Fall wirklich alle Menschen – vor einer totalen Überwachung zu schützen. Er kämpft dafür, dass wir unsere privaten Räume behalten können, weil sie es sind, die uns als als Menschen ausmachen.
Er tut das nicht, um sich in den Mittelpunkt zu stellen. Das nehme ich diesem Menschen mittlerweile voll und ganz ab. Er möchte den erschreckenden Fakten ein Gesicht geben, damit sie ernst genommen werden. Und er hat Journalisten mit der Aufarbeitung dieser Fakten beauftragt, damit sie das zunächst unglaubliche Ausmaß der Überwachung systematisch aufdecken und glaubwürdig aufbereiten. Deshalb: Herzlichen Glückwunsch zum Alternativen Nobelpreis, Mr. Snowden! Sie haben ihn wirklich verdient.
Snowden und Greenwald sind glaubwürdig, so viel steht fest. Aber sind wir, die Bürgerinnen und Bürger, es eigentlich auch? Nimmt man uns unsere Bestürzung über den Skandal und unsere Bewunderung für Snowden ab?
Greenwald fragte damals in Hamburg das gut 250-köpfige und damit nicht ausverkaufte Auditorium: »Wer von Ihnen verschlüsselt seine E-Mails?« Vielleicht zehn Zuhörer hoben die Hand. Er lachte. Und erzählte, dass er die Menschen, die ihre Mails nicht verschlüsseln und sagen, sie hätten nichts zu verbergen, gerne fragt, ob sie ihm ihr Passwort geben würden. Bisher war niemand dazu bereit...
