Die Nacht der Lichter
Die Gemeinschaft von Taizé gestaltete ein meditatives Abendlob, das die – überwiegend jungen – Gläubigen in den Bann zog. Die Stille auskostend, vor sich ein Teelicht, in eine Decke gewickelt oder auf einer Isomatte sitzend, händchenhaltend oder allein für sich singend und meditierend, genossen Tausende die einzigartig friedliche Atmosphäre.
In Wittenberg, der Lutherstadt Deutschlands, geht heute der Kirchentag im 500. Jahr nach Beginn der Reformation mit einem großen Gottesdienst unter freiem Himmel zu Ende.
Frère Alois, der Prior von Taizé, formulierte am Abend in immer neuen Variationen einfache, meditative Christus-Sätze, die niemanden ausschlossen und wie ein Mantra in die Herzen drangen. Um dann – ganz ungewöhnlich für Taizé – an diesem symbolischen Ort konkrete ökumenische Schritte einzufordern: »So wie wir heute unter dem Himmel als Dach geeint sind, so sollten sich auch die Christen unter einem Dach versammeln. Und zwar sofort! Auch wenn nicht alle theologischen Fragen geklärt sind.«
Er zitierte zweimal Papst Franziskus, der in Lund die Katholiken aufgefordert hatte, dankbar die Gaben zu erkennen, die durch die Reformation in die Kirche gekommen sind, nämlich die Unmittelbarkeit der Schrift und die Priorität der Gnade. So habe noch nie ein Papst gesprochen.
Dann fragte Frère Alois, ob nicht eine evangelische Antwort auf die Worte des Papstes denkbar und angebracht sei, etwa ein evangelischer Dank für die katholischen Gabe der Universalität?
Ökumene hatte auf dem Kirchentag bislang keine große Rolle gespielt. Doch in der Lichternacht auf den Elbwiesen, vor der Silhouette der Lutherstadt Wittenberg, hat die Gemeinschaft von Taizé einen starken Akzent gesetzt.
