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Alternativen zum Wachstum

Die Kirchen sollen dem Immer-mehr, Immer-schneller, Immer-weiter etwas entgegensetzen, meint die Initiative »anders wachsen«. Und wie ist Ihre Meinung? Ist ein neues Sozialwort nötig? Siehe dazu die aktuelle Umfrage auf www.publik-forum.de
von Walter Lechner vom 16.06.2013
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Walter Lechner: »Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum.« (Foto: Voss)
Walter Lechner: »Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum.« (Foto: Voss)

Die beiden großen Kirchen arbeiten an einem neuen Sozialwort, sie nennen es »Sozialinitiative«. Allerdings wird das Papier hinter verschlossenen Türen geschrieben. Die Kirchenoberen scheinen nicht daran interessiert zu sein, dass sich die Basis beteiligt. Dabei gibt es in den Kirchen und in ihrem Umfeld zahlreiche mutige Initiativen und Konzepte, die Wege zu einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft weisen. Deshalb bietet Publik-Forum in seiner »Aktion Sozialwort 2013« genau diesenVerbänden, Basisorganisationen und Einzelnen ein Forum.

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Ich meine: Ein Sozialwort der Kirchen kann seiner orientierenden und gesellschaftsverändernden Wirkung nur gerecht werden, wenn es eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum als gesellschaftlichem Leitziel fordert und sich für Alternativen stark macht.

Die Gleichung »Wirtschaftswachstum steigert Lebensqualität« hat sich selbst ad absurdum geführt. Eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts sagt nichts über die Verteilung des Wohlstands innerhalb der Gesellschaft aus. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland bedient heute nur noch den Zinshunger der großen Geldvermögen, kommt aber der breiten Bevölkerung praktisch nicht mehr zugute.

Vielmehr wird Wirtschaftswachstum auf dem Rücken der Ärmsten erzielt. Das belegen nicht nur Katastrophen wie jüngst der Fabrikeinsturz mit mehr als tausend Toten in Bangladesch, wo westliche Kleiderfirmen Menschen systematisch ausbeuten und durch die höheren Gewinne das Wirtschaftswachstum in unseren Ländern steigern. Das spüren auch Millionen Deutsche, die seit Jahren unter der konsequenten Umverteilung von unten nach oben leiden.

Angesichts schwindender Ressourcen und eines sich beschleunigenden Klimawandels stur weiter auf Wirtschaftswachstum zu setzen, ist wahnwitzig. Jedes Jahr rückt der »Global Overshoot Day«, also der Kalendertag, ab welchem die verbrauchten Ressourcen die Kapazität der Erde, diese zu generieren, übersteigen, weiter nach vorne und hat inzwischen den August erreicht.

Jede Steigerung des Bruttoinlandsprodukts zieht zwingend einen wachsenden Raubbau an natürlichen Ressourcen nach sich. Wie können wir Deutschen, die wir im Durchschnitt das Fünffache (!) des gerade noch verträglichen Kohlendioxid-Ausstoßes pro Kopf verursachen, ernsthaft glauben, wir könnten durch weiteres Wirtschaftswachstum mehr Ökologie erzielen? Eine absolute Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom steigenden Ressourcenverbrauch ist nicht möglich!

Eine Gesellschaft, die ohne Selbstbegrenzung auf die stetige Zunahme des materiellen Wohlstands baut und davon ihr Wohl und Wehe abhängig macht, hat jedes Maß verloren und die Maßlosigkeit zum Maß aller Dinge und zum Götzen gemacht.

Eine Kirche, die von der Alternative des Reiches Gottes weiß und dessen Maßstäben verpflichtet ist, muss dem Alternativlosigkeit beanspruchenden Wirtschaftswachstumsdogma den Gehorsam verweigern und die gesellschaftliche Debatte für alternative Entwürfe einer Postwachstumsgesellschaft öffnen.

Die Abkehr vom Wirtschaftswachstum eröffnet neue Wachstumsmöglichkeiten: in Kultur, Glaube, Zeit, Wissen, Beziehung, Kreativität, Ehrenamt, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung. Wo wollen wir wirklich wachsen? Jesus sagt: Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein (Matthäus 6, 21).

»Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum.« An dieser Forderung, die zahlreiche prominente Kirchenvertreterinnen und -vertreter wie Margot Käßmann, Katrin Göring-Eckardt, mehrere Bischöfinnen und Bischöfe sowie leitende Geistliche und mehr als 3000 Petitionsunterzeichner unterstützen, kommt kein Sozialwort der Kirchen vorbei, wenn es glaubwürdig sein und auf eine soziale und ökologische Transformation der Gesellschaft hinwirken will.

Was ist das Ziel unserer Gesellschaft? Wie definiert sich Lebensqualität? Woran messen wir gesellschaftliche Entwicklung? Kirche hat zu diesen Grundfragen unserer Existenz aus ihrer Gottesbeziehung heraus Entscheidendes zu sagen. Sie sollte es tun.

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Personalaudioinformationstext:   Walter Lechner ist evangelischer Pfarrer im sächsischen Frauenhain und einer der Leiter der christlichen Initiative »anders wachsen«. Ihr Ziel: Die Evangelische Kirche in Deutschland soll sich dieses Themas annehmen – mit einer breiten Öffentlichkeitskampagne. Auf www.anders-wachsen.de kann eine entsprechende Petition an die EKD unterzeichnet werden. Kontakt: Tel. 035263-65677; [email protected]
Schlagwort: Kirche
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