Für Alt und Jung
Die beiden großen Kirchen arbeiten an einem neuen Sozialwort, sie nennen es »Sozialinitiative«. Allerdings wird das Papier ohne Beteiligung der Basis geschrieben. Doch die Wünsche und Bedürfnisse junger Menschen müssen von den politisch Verantwortlichen in unserem Land, auch und gerade in den Kirchen, endlich ernst genommen werden!
Die jetzigen und zukünftigen Belange von Kindern und Jugendlichen in Deutschland spielen in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und im politischen Bewusstsein und Handeln kaum eine Rolle. Dies ist angesichts der alternden Gesellschaft besonders schwerwiegend: im Jahr 2035 wird die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland im Rentenalter sein und rund sechzig Prozent der Wahlberechtigten ausmachen. In politischen Prozessen droht dabei das Ziel kurzfristiger Wahlerfolge immer stärker über das einer nachhaltigen Politik gestellt zu werden. Die Bedürfnisse der nachwachsenden Generationen geraten dabei ins Hintertreffen. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen im Bereich der Sozialsicherungssysteme wie zum Beispiel der Renten- und Sozialversicherung und des Arbeitsmarkts wird die Schere zwischen Arm und Reich in zukünftigen Generationen vermutlich immer weiter auseinandergehen. Wer heute als junger Mensch arm ist, wird nicht nur arm bleiben, sondern im Alter noch viel ärmer sein.
Deshalb müssen die Kirchen in einem Sozialwort die Doppeloption für die Armen und die Jugend vertreten und für eine solidarische Generationenpolitik plädieren, die allen Menschen gleiche, gute Chancen auf Entfaltung ihrer Möglichkeiten und auf Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse einräumt.
Ein Sozialwort der Kirchen muss Generationengerechtigkeit als wichtige Herausforderung für eine gelingende Zukunft benennen. Es muss dabei auf den Dialog der Generationen setzen – damit die Anliegen der Generationen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Dafür braucht es auch Orte abseits der klassischen Familienbeziehungen, etwa Pfarrgemeinden und Verbände, damit die Generationen nicht weiter voneinander abrücken.
Benötigt wird eine Reform der sozialen Sicherungssysteme. Diese müssen ein gutes Auskommen und eine gute Versorgung für die Älteren gewährleisten, ohne dass die jungen Menschen dadurch überfordert werden.
Auf Grundlage der Katholischen Soziallehre muss sich ein Sozialwort der Kirchen für eine Gesellschaft einsetzen, deren zentrale Werte Menschenwürde, Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sind.
Als Christen glauben wir, dass die Menschenwürde unabhängig von Alter, Geschlecht, ethnischer und sozialer Herkunft und Leistungsfähigkeit jedem Menschen als Kind Gottes zukommt.
Daher ist es eine ureigene Aufgabe der Kirchen, sich für Chancengleichheit einzusetzen, damit alle Menschen in unserem Staat ihre Talente entfalten können und so zu einer Gesellschaft beitragen, die von Unterschiedlichkeit bereichert, nicht bedroht wird.
Weil sich die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft nicht zuletzt daran bemisst, welche Perspektiven und Zukunftschancen sie ihrer Jugend gibt, muss gerade in einem so wohlhabenden Staat wie dem unseren dafür gesorgt werden, dass alle Kinder und Jugendliche über gleiche, gute Lebenschancen verfügen. Daher muss zum einen die jüngere Generation ein stärkeres Mitspracherecht bei langfristigen Investitionsentscheidungen, etwa im Bereich Energiepolitik, bekommen.
Zum anderen müssen alle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Weichenstellungen und Entscheidungen daraufhin überprüft werden, inwiefern sie dem guten Leben junger und zukünftiger Generationen dienen. Ob ein Sozialwort der Kirchen zukunftsweisend sein wird, hängt auch davon ab, ob diese Themen darin aufgegriffen werden.
