Möge die Wahl beginnen!
Dass die britischen Buchmacher die Kardinäle Angelo Scola aus Mailand, Peter Turkson aus Ghana und Benedikts ehemaligen Kardinalstaatssekretär, den skandalumwitterten Tarcisio Bertone als Top-Favoriten handeln, löst nur noch Gähnen aus. Spinnen die Briten?
Noch einmal schlafen, dann beginnt die geheime Wahlentscheidung der 115 Herren mit den hellroten Käppchen. Es ist Zeit, dass nun entschieden wird. Zum morgigen Gottesdienst um zehn Uhr im Petersdom ist die ganze Welt eingeladen. Dann entschwinden die Kardinäle ins künstlerisch wertvollste stille Kämmerlein der Erde, die von Michelangelo und anderen Kunstgiganten grandios gestaltete Sixtinische Kapelle. Die große Kunst wirkt bei der Papstwahl mit. Denn im Blick auf das wandfüllende »Jüngste Gericht« von Michelangelo muss jeder Kardinal Verschwiegenheit und bestes Wahlverhalten schwören.
Ganz nebenbei dreht die katholische Kirche den unfähigen italienischen Politikern eine lange Nase: Die Kirche entscheidet rasch, nach anderthalbwöchigen Debatten der Kardinäle, während in Italien seit der Wahl die Politik in Unversöhnlichkeiten und Unbeweglichkeiten verharrt.
Der »Neue« muss ganz sicher die Kurie reformieren
Traditionelle wie kritische und progressive Katholiken sind sich einig: Es geht um die Kurienreform. Denn die römische Kurie hat unter dem isolierten und an vielen Reformaufgaben desinteressierten Papst Benedikt XVI. eklatant versagt. Mehrfach. Am schlimmsten, als der erzkonservative kolumbianische Kurienkardinal Dario Castrillon Hoyos und sein Dunkelmännerkreis in der für die Piusbrüder zuständigen Vatikan-Kommission Ecclesia Dei die Holocaustleugnung durch den Traditionalistenbischof Williamson völlig unterschätzten.
Als die römische Kurie mit einer Anzahl von Kongregationen – das sind die Ministerien – im 16. Jahrhundert neu aufgestellt wurde, war sie einer der modernsten Machtapparate im Europa der Renaissance. Doch seither sind viele Räte, Ämter, Posten und Pöstchen hinzugekommen. So wuchert der Machtapparat.
Wer arbeitet eigentlich im Vatikan?
Der Konzilspapst Johannes XXIII., der beste von allen Päpsten seit der Französischen Revolution, wurde einmal von Journalisten gefragt: »Wie viele Leute arbeiten im Vatikan?« Er lachte und gab zur Antwort: »Ich hoffe, jeder zweite.« Der ernste Kern des Scherzes: Das Leistungsprinzip gilt nur wenig beim Heiligen Stuhl. Angestelltenposten werden teils innerhalb der Familie vererbt. So soll unbedingte Loyalität gewährleistet werden. Ein bisschen mehr Leistungskultur täte der Kurie gut, der Gedanke kommt einem, wenn man durch arg stille oder chaotisch anmutende Vatikan-Büros streift.
Die Regierung der Weltkirche funktioniert nicht wie eine weltliche Regierung. Es gibt keine regelmäßigen Kabinettssitzungen wie bei Bundeskanzlerin Angela Merkel stets am Dienstag in Berlin. Im Vatikan ist Informationsaustausch zwischen den Kongregationen und Räten Glücksache, oder genauer: eine Frage von Sympathie oder Antipathie der Chefs, die in der Regel Kurienkardinäle sind.
Der ins Schweigen entschwundene Benedikt XVI., der täglich mehr aus Rom verdunstet, machte mit beim bösen Spiel der Austauschverweigerung. Kurienkardinal Walter Kasper, der aufgeschlossene, theologische Spitzenmann aus Württemberg und Chef des Ökumene-Rates im Vatikan, musste jahrelang erfolglos auf ein ausführliches Gespräch mit Papst Ratzinger warten. Hebt so ein Gebaren die Motivation eines Kurienkardinals? Wohl kaum.
Alte, aus feudaler Zeit stammende Traditionen und die Anforderungen der Welt von heute stoßen in der Kurie und im Vatikan aufeinander. In den Ämtern arbeitet man gerne langsam, »sub specie aeternitatis«. Man braucht für Antworten an die Öffentlichkeit lange. Allzu lange. Denn in den Welten von Twitter, Internet und TV ist Langsamkeit und Geduld völlig perdu. Einige gemäßigte McKinsey-Leute wie der bayerische Aktivkatholik und Bischofsberater Thomas von Mitschke-Collande täten dem Heiligen Stuhl gut.
Einige Kardinäle besitzen die persönliche Durchsetzungskraft, den römischen Macht- und Verwaltungsapparat etwas auf Vordermann zu bringen. Der New Yorker Kardinal Timothy Dolan, ein Kraftpaket mit Nulltoleranz für sexuelle Untaten im Klerus, und der Kardinal von Sao Paulo, Odilo Scherer zum Beispiel.
Schönborn ist Stimmenhändler: Ein Mann mit viel Macht
Der Wiener Kardinal Schönborn, einer der machtvollen Powerbroker und Stimmenhändler im Konklave, sagt uns Journalisten in der Kirche Cristo lavoratore, (Christus der Arbeiter) im Arme-Leute-Viertel Portuense: »Ich will, dass ein Papst gewählt wird, der sein Bistum gut geleitet hat, der gut mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie mit den Gläubigen umging und seinen Laden in Schuss hat.« Die Tatsache, dass Schönborn dies betont, macht klar, dass unter den vielerlei Papstkandidaten nicht alle gute Kommunikatoren und Leiter sind. – Noch einmal schlafen. Warten wir´s ab.
