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Halsketten und Stinkefinger

Am Sonntag ist Bundestagswahl: Je erbärmlicher die Medien debattieren und je mutloser sich viele Prominente gebärden, desto mehr steigt meine Hochachtung vor den Wahlkämpfern auf der Straße. Ein Kommentar von Wolfgang Kessler
von Wolfgang Kessler vom 18.09.2013
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Schwarz-Rot-Gold: Angela Merkels »Schland-Kette«, getragen beim Fernseh-Duell mit Peer Steinbrück, provozierte schon während der laufenden Sendung einen Internetblog.  (Foto: pa/Kohr)
Schwarz-Rot-Gold: Angela Merkels »Schland-Kette«, getragen beim Fernseh-Duell mit Peer Steinbrück, provozierte schon während der laufenden Sendung einen Internetblog. (Foto: pa/Kohr)

Der Wahlkampf verändert auch seine Beobachter, zum Beispiel mich. Seit ich in den letzten Wochen zahlreichen Wahlkämpfer/innen auf den Straßen persönlich begegnet bin, wächst meine Hochachtung vor ihnen. Und sie wächst umso mehr, je erbärmlicher in den Medien diskutiert wird. Mein Respekt vor den Frauen und Männern an der Basis ist mittlerweile sogar fast ins Unermessliche gestiegen – seit ich die ebenso dümmlichen wie mutlosen Antworten einiger Prominenter auf die Frage der Wochenzeitung »Die Zeit« gelesen habe, was sie denn wählen.

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Am Hals von Angela Merkel

Aber der Reihe nach. Mit den Medien war ich fast schon versöhnt, als ich die vielen Versuche las, uns im heißen Sommer die insgesamt tausend Seiten Wahlprogramme ein bisschen verständlicher zu machen. Auch im ersten TV-Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück schlugen sich zumindest Anne Will und Stefan Raab als hartnäckige Frager ganz beachtlich. Doch dann brach ein Sturm im Internet los, der sich bis heute nicht gelegt hat. »Hätte, hätte, Deutschlandkette« hieß es dort – und die angeblich so modernen Web-User zerbrachen sich die Köpfe über die Halskette von Angela Merkel. Was witzig sein sollte, erinnerte mich an meine Oma, die Politiker nur nach ihrer Krawatte beurteilte. Das fand ich nicht witzig.

Peer Steinbrück und der Stinkefinger

Kaum hatte sich die Halsketten-Debatte etwas beruhigt, gingen viele Medien zur Stinkefinger-Diskussion über. Man mag von Peer Steinbrück halten, was man will, aber nach einigen Monaten Pleiten, Pech und Pannen im SPD-Lager sollte man den schrägen Humor des Schleswig-Holsteiners kennen. Das hielt die Blöd-Zeitungen der Republik allerdings nicht von der Grundsatzdebatte ab, ob ein Mann mit so einer Gestik Deutschland regieren könne. Ja, warum denn nicht! Schließlich regiert uns ja eine Kanzlerin, die Griechen, Italiener, Spaniern und Portugiesen seit Jahren den Stinkefinger zeigt. Leider war es bei ihr keine Gestik, sondern Politik.

Fehler von vor 30 Jahren – pünktlich zur Wahl serviert

Kaum war die Stinkefinger-Sau durchs Dorf getrieben, verrieten uns – natürlich unheimlich unabhängige – Göttinger Parteienforscher genau eine Woche vor der Wahl, dass Jürgen Trittin vor 32 Jahren ein Kommunal-Wahlprogramm verantwortet hatte, das sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern straffrei halten wollte, wenn keine Gewalt im Spiel ist. Diese Forderung ist ekelhaft, sie zu unterschreiben war ein schwerer Fehler. Doch das wissen auch die Grünen und haben den Fehler vor 25 Jahren korrigiert. Auch von Jürgen Trittin kann man halten, was man will. Aber seinen Fehler hat er schneller eingestanden als Politiker ihre Fehler normalerweise eingestehen. Was allerdings bestimmte Medien (und einige Wahlkämpfer) bis heute nicht davon abhält, Trittin immer wieder mit Pädophilie in Verbindung zu bringen. Auch das ist ekelhaft.

Die Sorge des Richard David Precht

Während die Emotionen längst die Diskussion über wichtige Zukunftsfragen im Wahlkampf überschatten, halten sich viele Intellektuelle und Kulturschaffende lieber raus. Zugegeben: Es gibt sie noch, die alten: Alice Schwarzer, Martin Walser, Wolf Biermann oder ein Jürgen Habermas sagen, wen sie wählen und was sie sich wünschen. Manchmal reibt man sich ob ihrer Lebenswendungen die Augen, aber an Mut fehlt es nicht.

Anders denken da einige der jüngeren Fernseh-Promis. Richard David Precht zum Beispiel, der Fernsehphilosoph. Er fordert eine »ehrliche Diskussion über die Zukunft der Demokratie und die Rolle der Parteien«. Und natürlich kritisiert er auch die fehlenden Visionen in der Politik. Bei der Wahl ist ihm jedoch »selbst die Wahl zwischen Wählen oder Nicht-Wählen nicht wirklich wichtig«. Na, da will einer viel reden, aber möglichst wenig sagen, um nirgendwo anzuecken. Hauptsache, der eigene Marktwert bleibt erhalten.

Hirschhausen und Furtwängler: Das Schweigen der Lämmer

Darum sorgen sich wohl auch andere. Zum Beispiel der Talk-Arzt Eckart von Hirschhausen. Glaubt man einem seiner Bücher, so wächst seine »Leber mit ihren Aufgaben«. Hirschhausens Mut wächst aber offenbar nicht mit. Bei der Frage nach seiner Wahlentscheidung entdeckt der Vielredner plötzlich »die Schweigepflicht«. Ähnlich ruhig wird auch Powerfrau Maria Furtwängler. Als Tatortkommissarin resolut, bei großen Galas des Hauses Burda immer darauf bedacht, auf jeden Fall größer daher zu kommen als ihr Ehemann Hubert Burda, macht sie sich bei der Wahl ganz klein. Sie beruft sich auf ihre Mutter, für die Wählen immer schon etwas Geheimes hatte. Und Miriam Meckel, einst die jüngste Professorin Deutschlands und immer für ein neues Buch gut, bringt bei der Frage nach ihrer Wahl sogar Gott ins Spiel, um uns dann mit ihrer professoralen Überforderung zu konfrontieren: » Oh Gott. Wie soll man in differenzlosem Feld eine Entscheidung treffen?« Differenzlos, oh Gott – nein, die Wahlprogramme sind langweilig, trocken, zuweilen ärgerlich – aber an Differenzen zwischen den Parteien mangelt es nicht.

Die Helden der Straße

Je länger ich also die Diskussionen rund um diesen Wahlkampf verfolge, desto mehr beeindrucken viele der ganz normalen Wahlkämpfer/innen. Zum Beispiel die türkisch-stämmige Unternehmerin, die – auch gegen ihre Unternehmerkollegen – für die SPD streitet. Oder der 18-jährige Liberale, der sich als gläubiger Katholik bekennt und für die Freiheit kämpft. Oder der evangelische Pfarrer, der für die angeblich gottlose Linke auf die Straße geht – und für seine Überzeugungen bei einigen Gläubigen seinen Ruf riskiert. Und...und... Sie mögen alle umstritten sein. Doch sie zeigen ihr Gesicht, sie streiten für ihre Überzeugungen, sie sind die Demokratie. Andere wecken nur meine Lust auf den Stinkefinger.

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Personalaudioinformationstext:   Wolfgang Kessler ist Wirtschaftswissenschaftler und Chefredakteur von
Publik-Forum. Zur Buchmesse erscheint sein neues Buch »Zukunft statt Zocken. Gelebte Alternativen zur entfesselten Wirtschaft« im Publik-Forum Verlag. Folgen Sie ihm auf https://twitter.com/wolfgangkessler – und Sie sind immer auf dem Weg in eine bessere Zukunft.
Schlagwörter: Medien Wahlkampf
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