Der Club der toten Dichter
Eigentlich interessiert sich kaum mehr jemand für die Position der katholischen Kirche zur Ehe, aber mir geht die Sache doch nahe: Die Rede ist von den fünf Kardinälen, die kurz vor der Familien-Synode in Rom noch einmal in einem Buch erhärten, warum Geschiedene nicht mehr zur Kommunion gehen dürfen, wenn sie wieder heiraten.
Nun wäre das Buch – dessen auf Deutsch übersetzter italienischer Titel lautet »In der Wahrheit von Christus bleiben« – nicht mehr als eine intellektuelle Bereicherung der Altpapiersammlung, wären die Autoren nicht mächtige Kardinäle: Gerhard Ludwig Müller, Chef der Glaubenskongregation; Raymond Burke, Chef des Apostolischen Gerichtshofes; Carlo Caraffa, Erzbischof von Bologna sowie die einflussreichen Alt-Kardinäle Walter Brandmüller und Velasio de Paolis.
Mit Macht gegen Menschenfreunde
Sie haben dieses Buch nur aus einem Grund geschrieben: nämlich, um in der Kirche jede Veränderung im Umgang mit wieder verheirateten Geschiedenen im Keim zu ersticken. Wie »der Club der toten Dichter« im gleichnamigen Film halten sie am Alten fest. Doch anders als die poesiebegeisterten Schüler in jenem Film – die verstorbene Poeten verehrten, die wunderbare Gedichte geschrieben hatten – tun sich die Kardinäle offenbar nur zusammen, um mit der Lektüre verstaubter Lehren ihre Macht zu sichern. Oder wollen sie das »gut Katholische« aus einer angeblich so heilen Welt von früher hochhalten? Einfach, weil es alles so einfach machte? Mit ihrem Dogmatismus verkörpern die fünf Kardinäle in jedem Fall die Krise der katholischen Kirche.
Natürlich sind ewig-gestrige Gestalten mit autoritärem Gedankengut hinter den verschwiegenen Kirchenmauern in der Geschichte dieser Institution nichts Neues. Aber für mich ist deren Macht schwer verdaulich, da ich gerade in der Kirche so viele aufrechte Menschenfreunde getroffen habe wie sonst nirgendwo.
Wie Jesus gekidnapped wird
Besonders ärgerlich ist, dass diese Dogmatiker für ihre Lehren auch noch Bibelzitate von Jesus von Nazareth in Anspruch nehmen. Im Falle der Unauflöslichkeit der Ehe berufen sie sich auf das biblische Jesus-Zitat: »Was Gott verbunden hat, soll der Menschen nicht trennen.« Dabei lassen sie völlig außer acht, dass Jesus gerade mit Prinzipienreiterei nichts im Sinn hatte. Er war kein Sittenprediger, er war eher eine Frohnatur. Er entlarvte den heuchlerisch-moralinsauren Umgang der Menschen mit der Ehebrecherin. Und genau darauf sollten sich die Kardinäle besinnen.
Man weiß wenig von Jesus, doch eines ist sicher: Für »Familie« hat er sich wenig interessiert. Ansonsten kamen für ihn zuerst die Menschen, dann kam lange nichts – und am Ende das Gesetz. Und so handelte er auch: Ging es um Leben, Tod und Gesundheit, brach er das Sabbatgebot. Ob das auch die Kardinäle gelesen haben?
Die Kirche, die ich erlebte
Wie Jesus dachten jedenfalls jene, die vor vielen Jahrzehnten einen Jugendlichen wie mich aus einem nicht-kirchlichen Haus zum Engagement in der Kirche brachten. Da war dieser Jugendpfarrer, der in meinem Ringen um die schließlich erfolgreiche Kriegsdienstverweigerung immer an meiner Seite war, auch wenn es gegen mächtige Bürokraten ging. Von diesen überzeugten Seelsorgern traf ich in den folgenden Jahrzehnten viele. Pfarrer, die an der Seite der Ohnmächtigen in der Dritten Welt kämpfen, Arbeiterpriester, die für Geringverdiener in deutschen Betrieben streiten. Christen, die Flüchtlinge vor Behörden schützen. Ordensleute, die auf jeden Reichtum verzichten, um für andere Menschen da zu sein. All diese Seelsorger eint das jesuanische Ideal: Erst die Menschen, dann die Gesetze.
Papst Franziskus und der Club
Solche aufrechten Kämpfer gibt es in der katholischen Kirche noch immer. Aber sie bestimmen nicht den Gang der Dinge. Selbst Papst Franziskus, der der Barmherzigkeit den Vorrang gibt vor gesetzlichen Normen, will sich mit dem mächtigen Club der toten Dichter nicht anlegen.
Natürlich könnte die Krise der Kirche – die vielen Austritte, das schlechte Image – ein Weckruf sein. »Die Krise als Chance« wird von Bundespräsidenten regelmäßig in der Neujahrsansprache beschworen. Ein Fünkchen Hoffnung auf eine neue Chance gibt es auch in der katholischen Kirche. Aber das Fünkchen wird nur zünden, wenn sich auch unter den Bischöfen offener, mutiger, jesuanischer Widerstand gegen »den Club« regt.
Eine Sekte in der Fußgängerzone
Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich wünsche mir keine »Eiapopeia«-Kirche, die nur dem Zeitgeist nachläuft. Aber wenn die katholische Kirche nicht auf die Menschen zugeht und ihnen stattdessen immer nur die gleiche alte Litanei von unumstößlichen Gesetzen verkündet, wird sie zur Sekte. Ihre Mitglieder treffen sich dann regelmäßig hinter verschlossenen Türen und stellen sich ab und zu mit Bibelversen in die Fußgängerzone. Eine verschworene Gemeinschaft, für die sich niemand interessiert. Weil sie nur um sich selber kreist.
