Die Angst vor der eigenen Macht
Es ist ein gutes Zeichen: Immer mehr Menschen engagieren sich gegen die selbst ernannten Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung Europas (Pegida) – und für ein weltoffenes Deutschland, für Toleranz, für Solidarität mit Flüchtlingen, mit Zuwanderern. Allerdings darf dieses bemerkenswerte Engagement nicht darüber hinwegtäuschen, dass die politische Stimmung in Deutschland derzeit auf allen politischen Seiten stark von Ohnmachtsgefühlen, Wut und Frustrationen beherrscht wird. Ich erfahre dies derzeit häufig in meinen Veranstaltungen.
»Wir können doch gegen die da oben nichts ausrichten«
Dass ich diese Gefühle dort erlebe, ist kein Zufall. Denn ich rede über notwendige soziale und ökologische Veränderungen des Wirtschaftens, über eine gerechtere Wirtschaft bei knappen Ressourcen. Oft schildere ich gelebte Modelle eines anderen Wirtschaftens und leite daraus wirtschaftspolitische Forderungen ab. Natürlich kommen kommen viele Fragen, andere Vorschläge. Es folgen wertvolle Diskussionen. So soll es sein.
Doch dann gibt es noch die anderen Reaktionen. Sie verbergen sich hinter Sätzen wie »Das geht doch sowieso nicht« oder »Wir können gegen die da oben doch nichts ausrichten«. Und: »Die Politiker sind ohnehin alle gekauft.« Oft genug verdichten sich die Einwände zu Verschwörungstheorien. »Das beschließen die Eliten doch alles hinter verschlossenen Türen.« Oder: »Die CIA hat die Ukraine schon lange im Griff.« »Die US-Zentralbank steuert doch die Finanzmärkte.« Und so weiter.
Oft resignieren die besonders Engagierten
Wären dies nur Sprüche von Spinnern – man könnte sie beiläufig abtun. Doch dem ist nicht so. »Viele meiner besten Freunde waren lange engagiert, haben sich aber zurückgezogen, aufgegeben«, sagt mir ein Besucher. In der Tat kommen besonders aggressive Zeugnisse der Ohnmacht oft von besonders engagierten, politisch denkenden Bürgern. Und deren Wut, deren Resignation macht die Stimmung unter den verbliebenen politisch Engagierten nicht selten bleischwer.
Dabei sind die Ohnmachts-Äußerungen nur zu verständlich. Manche Verschwörungstheorien klingen deshalb so plausibel, weil an ihnen etwas dran ist. Verhandeln nicht Diplomaten aus der Europäischen Union und den USA in Washington und Brüssel wirklich hinter verschlossenen Türen über ein Freihandelsabkommen, das vor allem den Unternehmen dient? Ist der Bundesregierung die Kohleindustrie nicht wichtiger als der Klimaschutz? Wer will ernsthaft die Macht von CIA und der US-Zentralbank leugnen? Fordert die Politik nicht ständig Solidarität mit Flüchtlingen und lässt sie gleichzeitig im Mittelmeer ertrinken?
Die Ohnmachtsgefühle der einen, die Macht der anderen
Nicht wenige der verzweifelt Ohnmächtigen haben in Kirchenvorständen, im Stadtrat oder in Parlamenten auch erlebt, dass am Ende alles von wenigen Bürokraten in persönlichen Gesprächen ausgemauschelt wurde. Selten zuvor war die Kluft zwischen der Bevölkerung und der Politik so groß wie zur Zeit.
Doch so verständlich diese Ohnmachtsgefühle auch sein mögen: Sie helfen den wirklich Mächtigen. Deshalb bin ich froh darüber, dass ich als Journalist immer wieder erlebe, wie Menschen etwas verändern können, wie mächtig sie doch sind.
Dabei muss man nicht gleich an Jahrhundert-Ereignisse wie die Friedliche Revolution oder an Nelson Mandela erinnern. Mir gehen da die Betriebsräte in einem mittelständischen Unternehmen in der Oberpfalz durch den Kopf. Sie müssen sich furchtbar ohnmächtig gefühlt haben, nachdem ihnen die Konzernleitung in England eröffnet hatte, dass ihr Betrieb mit seinem 680 Arbeitsplätzen verkauft werden soll. Und dass wahrscheinlich nicht mal 100 Arbeitsplätze übrig bleiben würden.
Der beharrliche Glaube an die Alternative
Doch dann haben sie Alternativen gesucht, mit Unternehmensberatern und Gewerkschaftern gesprochen. Sie waren immer wieder am Verzweifeln, doch sie blieben beharrlich. Und überwanden schließlich ihre gefühlte Ohnmacht. Am Ende kauften sie die Mehrheit in diesem Unternehmen selbst – und sie haben sie bis heute. Was hätte ich mir solch ein Engagement in anderen Betrieben gewünscht, die auf teuflische Weise von Finanzinvestoren zunächst ausgebeutet und dann abgewickelt worden sind!
Oder blicken wir ins Wendland, in die Wiege der Energiewende. Mehr als dreißig Jahre lang haben »ganz normale Bürger« rund um Gorleben gegen die Atomkraft demonstriert – und dies noch, als die Anti-Atomkraft-Bewegung anderswo bereits am Ende war. Sie hielten stur an ihren Protesten gegen Castor-Transporte fest. Und dabei erlebte, wer immer ins Wendland fuhr, eine gute Stimmung, ein hohes Maß an Gelassenheit, eine große Aufgeschlossenheit gegenüber alternativen Lebens- und Wirtschaftsentwürfen. Oft genug erschienen die Anti-Atom-Demonstranten im Wendland klein gegen die Macht der Energiekonzerne. Und sie glaubten oft selbst nicht an ihren Erfolg. Inzwischen hat sogar die konservative Regierung den Atomausstieg beschlossen. Und die Macht der scheinbar unschlagbaren Energiekonzerne wankt beträchtlich.
»In den Spiegel schauen können, ohne zu erschrecken«
Ich frage mich oft: Warum haben die Betriebsräte in der Oberpfalz oder die Wendländer niemals aufgegeben? Natürlich ist klar: Es ging um ihre Arbeitsplätze, um ihre Heimat, um ihre Existenz. Aber das ist es nicht alleine. Hinzu kommt, dass sie immer das Gefühl vermittelten, mit ihrem Engagement nicht nur etwas für andere zu tun, sondern auch für sich. »Ich muss in den Spiegel schauen können, ohne zu erschrecken«, sagte mir einmal ein Atomkraftgegner aus dem Wendland. »Wenn das Ganze keinen Erfolg hat, habe ich trotzdem das Richtige getan«, meinte ein anderer.
Seitdem habe ich das Gefühl: Wer sein Engagement nicht nur am Erfolg misst, sondern für sich etwas gewinnt – sei es Spaß, seien es Freunde, sei es Selbstachtung, sei es ein Stück neuen Lebensinhalt –, wird Ohnmachtsgefühlen nicht so leicht erliegen. Wer dann noch mehr in Alternativen denkt, statt nur über die noch so hinterhältigen Strategien der Gegner nachzusinnen, kann Wut in Macht verwandeln. Und damit jene herausfordern, die von den Ohnmachtsgefühlen der Bürger am meisten profitieren, weil sie dann ihre Machtgelüste reibungslos ausleben können.
