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Hoffnung – trotz allem

2015 war ein gewaltiges, vor allem ein gewalttätiges Jahr. Doch der trotzige Optimismus vieler Bürger macht Mut für 2016. Kesslers Kolumne
von Wolfgang Kessler vom 31.12.2015
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Der Sprung ins Neue Jahr: Ohne Mut gelingt er gerade diesmal nicht, meint Wolfgang Kessler (rechts). (Fotos: www.fotolia.de/fongleon356; privat)
Der Sprung ins Neue Jahr: Ohne Mut gelingt er gerade diesmal nicht, meint Wolfgang Kessler (rechts). (Fotos: www.fotolia.de/fongleon356; privat)

Eigentlich bietet das Jahr 2015 kaum Anlass zu großem Optimismus. Es begann mit Terror in Paris und endete mit Terror in Paris. Dazwischen die immer gleichen Bilder: Krieg in Syrien, Krieg in Afghanistan, Millionen Menschen fliehen aus zerbombten Häusern. Und zu alledem ist 2015 das heißeste Jahr seit Beginn der wissenschaftlichen Temperaturmessungen im Jahre 1891. Solche Meldungen lassen die Menschen normalerweise resignieren. Doch plötzlich ist alles anders.

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Hilfsbereitschaft als passiver Widerstand

Vier Millionen Frauen und Männer engagieren sich in Deutschland für Flüchtlinge – oft bis zur Schmerzgrenze. Und das in einem feindlichen Klima. Denn noch immer werden Flüchtlingsheime angezündet, Flüchtlinge bedroht. Die Politik diskutiert vor allem, wie man die Zahl der Flüchtlinge begrenzen kann. Unter diesen Bedingungen kommt diese Hilfsbereitschaft einer Art Widerstand gegen den politischen Mainstream gleich.

Gegen den Strom der herrschenden Politik gingen auch im vergangenen Jahr Hunderttausende auf die Straße. Mehr als 30.000 Menschen forderten eine Agrarwende – weniger Massentierhaltung und Intensivlandwirtschaft. Und mehr als 250.000 demonstrierten gegen die geplanten Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit den USA, mit Kanada und gegen das geplante Dienstleistungsabkommen Tisa. Sie wollen mehr als freien Handel. Sie wollen einen Handel, der Gerechtigkeit fördert und die Umwelt schützt.

Mehr Kinder – mehr Zuversicht

Nicht wenige Menschen lebten auch in der Weihnachtszeit gegen den Strom. So meldet die Gesellschaft für Konsumforschung, dass die Deutschen weniger Geld für Geschenke ausgaben. Dafür spendeten sie viel mehr als in den Jahren zuvor. Bei den Spenden fallen den Forschern vor allem die kleinen Beträge auf. Auch viele Menschen mit geringeren Löhnen wollen Not lindern statt denen mehr zu schenken, die oft schon viel haben.

In einer Welt der Gewalt und Zerstörung bedeutet auch die Entscheidung für ein Kind ein Leben gegen den Strom. Knapp 40.000 Kinder mehr kamen 2015 in Deutschland auf die Welt. Natürlich hängt dies auch mit der Familienpolitik und zusätzlichen Betreuungsmöglichkeiten zusammen. Allerdings zeigt die jüngste Geschichte auch, dass sich Eltern vor allem dann für Kinder entscheiden, wenn sie eine aussichtsreiche Zukunft für sie sehen. Zuversicht trotz allem.

2016: Viele wollen mehr für andere tun

Und nicht nur dies: Um die Welt selbst ein wenig besser zu machen, will sich die Mehrheit der Deutschen 2016 sozial engagieren. Dies ergab eine Umfrage der alternativen Triodos-Bank. Wie jedes Jahr starten die Deutschen mit vielen guten Vorsätzen ins Jahr 2016: Sie wollen mehr für ihre Gesundheit tun, mehr Sport treiben, auf eine gesunde Ernährung achten und sich verstärkt der Familie widmen. Doch viel stärker als in den vergangenen Jahren betont eine Mehrheit der Bundesbürger, dass sie mehr für andere und für die Umwelt tun wollen. Fast 23 Prozent wollen dies durch bewussteren Konsum oder durch eine nachhaltige Anlage für ihr Geld tun.

Wider die neoliberale Gehirnwäsche

Natürlich wird so mancher Vorsatz schnell wieder vergessen. Doch das Verhalten der Bürger beweist, dass die Gehirnwäsche des Neoliberalismus nicht funktioniert: Seit dreißig Jahren predigt die Mehrheit der Ökonomen die Lehre vom sogenannten Homo Oeconomicus, der rational abwägt und dabei vor allem seinen eigenen Nutzen im Sinne hat. Für die Anhänger dieser Lehre zählt auf der Welt nur, was und wer sich rechnet. Dieses Ziel des neoliberalen Denkens ist in den vergangenen Jahrzehnten in fast alle Bereiche des Lebens eingedrungen.

Doch die Erfahrung in diesen schwierigen Zeiten zeigt, dass die Menschen offenbar mehr wollen, als nur ihren eigenen Nutzen zu mehren. Es geht vielen offenbar dann besser, wenn es allen besser geht. Solidarität ist auch in reichen Ländern kein Fremdwort.

Die Menschen eilen der Politik voraus

Nun kann man einwenden, dass dieser trotzige Optimismus vieler Bürger alleine noch nicht für eine bessere Zukunft sorgt. Dies ist richtig. Es braucht dazu Regierungen, die sich die Ziele der Menschen zu eigen machen und sie in Politik umsetzen. Es braucht Regierungen, die den Reichtum gerechter verteilen, die hierzulande und weltweit gegen Armut vorgehen, die die Fluchtursachen bekämpfen und nicht die Flüchtlinge und die dafür sorgen, dass auch künftige Generationen auf unserer Erde noch in Würde leben können.

Eine solche Politik gibt es derzeit nicht, weder international noch in Deutschland. In ihrer Mehrheit folgen die Gesetze der Politiker noch immer den Gesetzen des Kapitalismus. Darüber hinaus setzen die Politiker allzu oft auf die einfachen Mechanismen von Angst, Kontrolle, Abwehr und auf das Prinzip Gewalt gegen Gewalt. Hoffnung schafft dies nicht.

Fukushima lässt grüßen

Dagegen steht jedoch der Wunsch vieler Menschen nach Veränderung und ihre Bereitschaft, sich dafür zu engagieren. Das garantiert noch keine Wende. Politiker haben oft bewiesen, dass sie Jahre lang gegen die Wünsche und Ideale vieler Menschen regieren können. Andererseits zeigt die Vergangenheit auch, dass die Politik diese Ignoranz nicht ewig durchhalten kann. Der Atomausstieg nach Fukushima lässt grüßen.
Das schafft Hoffnung.

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Schlagwörter: Hoffnung Solidarität
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