Pro und Contra
Quarantäne nur für Risikogruppen?
Was ist unser Ziel? Wollen wir jede Infektion mit dem Coronavirus verhindern – koste es, was es wolle? Oder genügt es uns, das Risiko von Infektionen mit schwerem oder gar tödlichem Verlauf zu minimieren?
Für die weitgehende Ausrottung des Virus gibt es nur eine Strategie: Lockdown bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs. Ein solcher Lockdown hätte verheerende Folgen, nicht nur ökonomisch, sondern auch den Verlust an Leben, vor allem in den ärmeren Ländern der Welt. Ein dauerhafter Lockdown opfert sehr viel mehr Menschen, als er rettet.
Fokussieren wir uns jedoch darauf, die Risikogruppen zu schützen, also insbesondere Menschen über 65 Jahren und jüngere mit gravierenden Vorerkrankungen, können wir für den Großteil der arbeitenden Bevölkerung die Wiederaufnahme ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit ermöglichen, wenn wir die Hygieneregeln beachten und Infektionsketten intensiv und schnell verfolgen. Gelingt es uns, das Überspringen des Virus auf die Risikogruppen zu verhindern, wird unser Gesundheitssystem nicht überlastet. Die Wahrscheinlichkeit, ein Intensivbett aufgrund einer Corona-Infektion zu benötigen, ist für Über-Siebzigjährige rund zwanzig Mal größer als für Menschen unter vierzig.
Ja, das bedeutet eine Ungleichbehandlung. Aber wir sind nur vor dem Gesetz gleich, nicht vor dem Virus. Wer ein hohes Risiko trägt, kann und muss sich eigenverantwortlich besonders schützen. Und das ist einfach: Kontakt mit anderen Menschen so weit wie eben möglich reduzieren. Die Gemeinschaft kann besondere Hilfe leisten: durch Tests, hochwertige Masken und Unterstützungsdienste. Wenn wir alle gleich handeln und behandeln, sterben sehr viel mehr Menschen an Corona und den Gegenmaßnahmen. Daher ist ein risikodifferenzierter Ansatz auch ethisch geboten.
Raul Krauthausen:
Nein, Auslese war schon mal!
Der Gedanke mag verführerisch sein. Wer selbst robuster Natur ist, mehr jung als alt, keine Behinderung hat und mit einem geringen Risiko ausgestattet ist, bei einer Corona-Infektion Leib und Leben zu verlieren, der mag denken: Warum die ganze Gesellschaft in die Geiselhaft einer Einschränkung schicken?
Ich finde diesen Gedanken nur vermeintlich verführerisch. Zum einen wissen jene Leute, die zu sogenannten Risikogruppen gehören, um die Gefahren für sich sehr gut. Wir schützen uns, so gut es geht. Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Und wir wissen auch um die Strapazen für Seele und Nerven durch das ewige Daheim.
Die Beschränkungen in Deutschland sollten für alle noch länger gelten, um die Ausbreitung des Coronavirus weiter einzudämmen.
Wer also »Risikogruppen« – das sind viele Menschen – »schützen« will, betreibt, um es ehrlich zu benennen, eine Auslese, ein Aussondern, eine Segregation, ein Wegsperren. Du könntest an Corona sterben? Selbst schuld! Unter der solidarischen Krankenversicherung habe ich mir etwas anderes vorgestellt.
Wir Menschen mit Behinderung kennen das. Aussonderung gibt es für uns in der Bildung – auch wenn die Sonderschulen jetzt Förderschulen heißen. Aussonderung gibt es für uns auf dem Arbeitsmarkt, weil viele automatisch in Werkstätten für Menschen mit Behinderung landen. Und aus Erzählung kennen wir die Auslese, die vor 75 Jahren in Deutschland betrieben wurde.
Mein Gegenvorschlag lautet: Wenn alle an der Eindämmung des Virus arbeiten, können bald auch alle auf die Straße, kann jeder Betrieb und jede Einrichtung öffnen. Dies wäre sinnvoller als ein Abladen der Verantwortung bei »Risikogruppen«.
Boris Palmer, geboren 1972, ist seit 2007 Oberbürgermeister von Tübingen. Er ist Mitglied von Bünd-nis 90/Die Grünen.
Raul Krauthausen, geboren 1980, ist Inklusions-Aktivist, studierter Kommunikationswirt und Gründer des Projekts »Soziale Helden«. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen.

Die Corona-Krise
